RESONANZ UND WIRKLICHKEIT


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Der Unternehmensberater Wilfried Reiter im Interview.

GÄNSEHAUT: Sie verwenden in der Beratung und bei dem von Ihnen entwickelten Selbstcoaching-Verfahren das Modell der Resonanz. Wie sind Sie darauf gekommen?
Wir verwenden Resonanz als Modell der Wirklichkeitskonstruktion. Um dies zu verstehen, möchte ich erst darüber sprechen, was es mit der Wirklichkeit auf sich hat.
Wirklichkeit ist das, was wir gerne als gegeben, als objektiv, als das was ist, was an sich ist, was real ist, na eben das, was wir als gegeben ansehen. Tun Sie das nicht?


Und was glauben Sie? Geht die Sonne unter, oder bewegt sich die Erde und wir drehen uns mit ihr von der Sonne weg? Faktisch spricht doch alles dafür, dass die Sonne untergeht. Wir spüren keine Eigenbewegung und auch keine Bewegung der Erde, der Horizont steht in festem Abstand zu uns, nur die Sonne bewegt sich. Was stimmt nun? Was ist wirklich?

GÄNSEHAUT: "Wirklichkeit ist also nicht einfach wirklich? Oder wie Paul Watzlawik meinte: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?"

Genau! Was die Geschichte aufzeigt ist ein geistiger Mechanismus, der Mechanismus der mentalen Modellbildung. Wir verwenden Modelle, genauer gesagt Erklärungsmodelle, um die Wirklichkeit zu beschreiben und zu erklären. Und wir tun dies meist, ohne es zu bemerken, gewohnheitsbedingt.
Was wir für wirklich halten sind in Wirklichkeit nur die Modelle, die wir uns von der Wirklichkeit erschaffen. Lassen Sie mich auf ein paar solcher alltäglichen Wirklichkeitsmodelle hinweisen.

Da gibt es eine Geschichte von dem schwäbischen Bauern. Schwäbische Bauern sind für Ihre Bodenständigkeit bekannt. Der Bauer steht zu Sonnenuntergang am Rand der Alp, neben ihm der Schuldirektor. Beide betrachten die Schönheit der mächtigen, untergehenden Sonne. Da meint der Schuldirektor: "Ist es nicht erstaunlich? Wir stehen hier, vor uns die Sonne wie sie untergeht und es erscheint uns so, als ginge sie hinter dem Horizont unter. Dabei ist es doch so, dass in Wirklichkeit wir es sind, die sich von ihr wegbewegen, genauer gesagt die Erde, die sich wegdreht, und es erscheint uns nur so, als ginge die Sonne unter." Eine Weile vergeht, bis der Bauer meint: "So, glauben Sie das?"
  • Führen höhere Löhne zu mehr Kaufkraft, oder führen sie zu höheren Preisen?
  • Bewirkt Benzinpreiserhöhung, dass mehr öffentliche Verkehrsmittel benutzt werden?
  • Bewirken mehr Medikamente mehr Gesundheit, oder machen sie uns krank?
  • Wenn wir die Preise senken, machen wir mehr Umsatz, oder weniger Gewinn?
Was wir aus den Fragen erkennen können: unsere Erklärungsmodelle greifen häufig zu kurz, sie beschreiben in der Regel einen geringen Teil der Wirklichkeit.

GÄNSEHAUT: "Sie bezweifeln die Tauglichkeit dieser Modelle?"
Speziell wenn es um unser subjektives Befinden und um menschliches Verhalten geht, sind die meisten mechanischen Modelle und insbesondere Ursache-Wirkungs-Modelle ungeeignet. Von Paul Watzlawik stammt die Beschreibung eines Beratungsfalles, an dem deutlich wird, wie einfache Modelle zu falschen Lösungen führen:
  • Der Trinker gibt an, dass er trinkt, weil seine Frau ihn mit Ablehnung empfängt.
  • Die Frau gibt an, sie empfängt ihren Mann mit Ablehnung, weil er betrunken nach Hause kommt.
  • Beide finden im Verhalten des anderen den Grund für ihr eigenes Verhalten.
GÄNSEHAUT: "Man kann sich vorstellen, dass dies kein Ende findet."
Beide haben Recht und beide haben Unrecht, und wie wir sehen, macht es keinen Unterschied, wer Recht hat und wer Unrecht hat. Wenn wir dem Ursache-Wirkungs-Modell folgen, werden wir dem Phänomen nicht gerecht. Das Ursache-Wirkung-Modell greift zu kurz. Die Verhaltensweisen der beiden bedingen sich gegenseitig. Wir haben es mit einem Phänomen von Resonanz zu tun.

GÄNSEHAUT: "Und wo liegt das Problem?"
In dem Fall stehen zwei Menschen in einer negativen, also die Individuen schwächenden Weise in Resonanz. Ihre Verhaltensweisen schaukeln sich gegenseitig auf.
Wenn wir aus falschem Verständnis, mit einem zu einfachen Erklärungsmodell nach dem Grund, bzw. der Ursache für ein Verhalten suchen, verstärken wir das Problem. Es lassen sich immer Begründungen für negatives Verhalten finden. Die Begründung selbst erschafft sozusagen die Ursache. Ursache-Wirkungs-Begründungen schaffen so täglich ungezählte Probleme.

GÄNSEHAUT: "Welche Alternative sehen Sie dazu?"
In diesem Fall hilft es, die Resonanz zu unterbrechen, genauer gesagt sie kontinuierlich zu reduzieren. Die Schritte sind erstaunlich einfach:
  1. Akzeptieren Sie, dass Sie selbst Einfluss haben. Übernehmen Sie Verantwortung und Führung und unterbrechen Sie den Verstärkungskreislauf.
  2. Es reicht aus, wenn Sie etwas anders machen und beobachten was sich nun verändert. Gehen Sie in kleinen Schritten vor.
  3. Nehmen Sie die Veränderung auf, gerade auch die kleinen positiven Veränderungen, und optimieren sie ggf. weiter.
GÄNSEHAUT: "Einfach in kleinen Schritten?"
Wenn Sie schon mal eine Brücke durch rhythmisches Springen zum Schwingen gebracht haben, dann haben Sie erfahren, dass regelmäßige kleine Impulse große Wirkung haben können. Resonanz gilt nicht nur für Brücken. "Einfach in kleinen Schritten" ist sozusagen das dem Resonanz-Phänomen inne liegende Change-Potential.

GÄNSEHAUT: "Wie können wir Resonanz noch nutzen?"
Das Resonanz-Phänomen eignet sich nicht nur für Veränderungsprozesse, sondern - und jetzt wird's interessant - besonders für Orientierungsprozesse. Lassen Sie es mich an einer Erfahrung erklären: Wenn Sie Menschen befragen, wie ihr Gefühl zu Beginn einer schwierigen Situation war, werden Sie in etwa folgende Antworten bekommen: "Ich habe schon zu Beginn gespürt, dass da was nicht stimmt." Oder: "Ich wusste, es wird klappen. Und so war es."
Das heißt im Grunde, jeder Mensch besitzt ein Gespür dafür, was klappt und was nicht, was ihm gut tut und was nicht. Viele nennen das Intuition. Ich möchte behaupten, auch hier handelt es sich um ein Resonanz-Phänomen. Wir nennen dies positive, weil stärkende Resonanzen und negative, weil schwächende Resonanzen. Wir können diese Resonanzen zu unserer Orientierung und für unsere Entscheidungen nutzen. Wir können lernen, dieses orientierende Potenzial von Resonanz intensiver zu nutzen und mit unseren kognitiven Fähigkeiten zu verbinden.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe psychophysiologische Reaktionen, die sich nutzen lassen um positive bzw. negative Resonanzen schnell zu erkennen. Dies bedarf allerdings etwas Training.

GÄNSEHAUT: "Wie soll ich meiner Intuition mehr Resonanz geben?"
Es ist hilfreich, wenn Sie sich selbst als einen komplexen Resonanzkörper verstehen. Wie ein Instrument, dessen Saiten angeschlagen werden, wirken unterschiedliche Situationen auf Sie ein. Manche Saiten bilden Resonanz, schwingen, manche klingen aus oder andere verstummen schnell.
Nun die Schritte:
  1. Vertrauen Sie sich selbst. Akzeptieren Sie, dass Sie selbst Einfluss auf Ihr Gespür haben. Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Fähigkeiten.
  2. Es reicht aus, wenn Sie beachten, was Sie verspüren oder wie es klingt, wenn Sie sich an eine Situation erinnern.
  3. Erinnern Sie sich abwechselnd an eine angenehme bzw. unangenehme Situation. Achten Sie darauf, wie sich Ihr Empfinden verändert.
  4. Freuen Sie sich, auch kleine Veränderungen wahrzunehmen.
  5. Mit etwas Übung werden Sie feststellen, wie Sie Ihr Gespür immer schneller und klarer nutzen können.
GÄNSEHAUT: "Abschließend gefragt: was hat Resonanz mit unserer Wirklichkeit zu tun?"
Ich möchte drei Argumentationen nennen:
Erstens, das was wir für Wirklichkeit halten ist nicht wirklich, es entsteht in einem Resonanz-Phänomen, wenn unsere Wirklichkeitskonstruktion und die angenommene äußere Wirklichkeit miteinander schwingen. Erst die Resonanz lässt uns Wirklichkeit wahrnehmen.
Zweitens, innerhalb der konstruierten Wirklichkeit benötigen wir ständig Orientierung und wir sind gefordert, ständig zu entscheiden. Dabei können wir wieder ein Resonanz-Phänomen nutzen. Gehen wir dorthin, wo wir schwingen, statt gedämpft werden.
Drittens, wenn wir Veränderung als ein Resonanz-Phänomen ansehen, gelingt es uns leichter, mit kleinen Schritten große Wirkung zu erzielen.
Drei gute Gründe um dem Phänomen der Resonanz als Erklärungsmodell mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

GÄNSEHAUT: "Vielen Dank für das Gespräch."



WILFRIED REITER IST SEIT ÜBER 20 JAHREN UNTERNEHMENSBERATER. ER HAT EINIGE BESTSELLER ZUM THEMA MANAGEMENT UND SELBSTMANAGEMENT GESCHRIEBEN. ZUSAMMEN MIT SEINER PARTNERIN CLAUDIA FREUND LEITET ER DIE LEADERSHIP ENTWICKLUNG FREUND & REITER GMBH. IN WIEN. DAS ANGEBOTENE CORE-LEADERSHIP-PROGRAMM VERMITTELT MODERNE BERATUNGSANSÄTZE MITHILFE EINES RESONANZ-SYSTEMS.

DER BERATER WILFRIED REITER IM INTERVIEW
BILDTEXT: RESONANZMODELLE ALS LEBENSHILFE