APA interview mit andreas gfrerer

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Als ich vor einigen Jahren die ' Blaue Gans ' in ein Arthotel umgewandelt habe, wurde das von vielen als mutig empfunden", so Gfrerer. "Ich fand das nicht, weil mir ein gewöhnlicher Hotelbetrieb zu langweilig war und ich für mich intellektuell noch etwas hereinholen wollte". Die Liebe zu Kunst und Kultur ist ihm schon in die Wiege gelegt worden. Die "Blaue Gans" liegt den Festspielhäusern gegenüber und "mein Bruder und ich sind bereits als Kinder in Karajan-Generalproben gesessen: Das prägt schon. Kultur zu konsumieren wird zur Selbstverständlichkeit".

Freiraum
Selbst fühlt sich Gfrerer, der nach dem Tourismuskolleg seine wirtschaftliche Ausbildung in Wien und den USA fortsetzte und in Italien seinem großen Kunst-Interesse nachging, nicht zum Künstler berufen. Aber vielleicht sei "gerade diese Distanz das Verbindende". Das seit fünf Generationen im Familienbesitz der Gfrerers befindliche Hotel war zuletzt verpachtet. Als er es 1997 übernahm, ging es zunächst darum, "den Salzburgern wieder das mit 660 Jahren älteste Gasthaus der Stadt zurückzugeben. Nach einigen Jahren bin ich dann aber draufgekommen, dass das ständige Beschwören der Vergangenheit für einen jungen Menschen ziemlich anstrengend ist". Das Konzept eines Kunsthotels habe sich dann "langsam und sehr genuin" entwickelt. Eine Entkernung des Hotel-immanenten Innenhofs kam da gerade recht: "Wir haben den Renaissance-Innenhof architektonisch entrümpelt und eine moderne Glaskonstruktion eingebaut. Das war der Startschuss des Freiraum-Gedankens, der uns bis jetzt begleitet", erläutert er. Zunächst wurden in dem Innenhof Skulpturen aufgestellt, "aber mit der Zeit haben die Künstler gefragt 'warum nur Skulpturen und warum nur hier, machen wir doch im ganzen Haus etwas'". Auch der zeitgleiche Bau des Museums der Moderne sei befruchtend gewesen.

Nunmehr beherbergt die "Blaue Gans" 90 originale Kunstwerke zeitgenössischer österreichischer Künstler, wobei die Positionen immer wieder wechseln. Dabei erweist sich auch die Zusammenarbeit mit dem Grazer Galeristen Patrick Ebensperger als wertvoll. "Ebensperger pflegt aus meiner Sicht einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlern", befindet Gfrerer, "er schaut nicht nur auf die bekannten Namen, sondern lässt junge Künstler sich entwickeln." Im Arthotel sind die Exponate laut Hausherrn gemischt - neben großen Namen wie Xenia Hausner oder Franz Graf gebe es auch Werke von frisch graduierten Künstlern. "Bruno Hoffmann oder Pirmin Blum - das sind Jungstars in der Szene, die dann so richtig Gas geben. Da dabei zu sein, ist schön."

Gfrerer beschränkt sich jedoch keineswegs darauf, seine Wände Künstlern zur Verfügung zu stellen (das ist durchaus wörtlich gemeint: Franz Graf fühlte sich von einem Kunstwerk so inspiriert, dass er seine persönliche Interpretation dazu direkt daneben an die Wand malte, wo sie nach wie vor prangt). Das Haus ist seit sechs Jahren während der "Langen Nacht der Museen" für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Fixpunkt ist außerdem das Happening anlässlich der Festspiel-Eröffnung: "Da wollen wir immer etwas Schräges machen", schmunzelt er, dieses Jahr stehe eine Performance mit Modenschau auf dem Programm.

Gänsehaut
Sein jüngstes "Baby" ist das "Gänsehaut-Magazin", dessen erste Print-Ausgabe im März erschienen ist. "In dem Magazin geht es um Resonanz, denn Gänsehaut ist ein körperliches Resonanz-Phänomen", legt Gfrerer das Konzept dar. "Dieses Haus hat in den 660 Jahren seines Bestehens schon so viel erlebt, das auf irgendeine Weise in den Mauern gespeichert ist. Und wenn wir hier moderne Impulse anbringen, tritt das mit der Vergangenheit in Resonanz. Darüber sprechen wir mit Künstlern und Persönlichkeiten. Aber auch über die Stadt an sich, denn es geht auch um Identitäten."

Ein weiteres von Gfrerer initiiertes Projekt ist das erstmalig im März über die Bühne gegangene "Eat&Meet". Dabei veranstalteten parallel zu dem Festival für neue Musik "Salzburg Biennale" die Altstadtlokale Kultur-Abende. Drei "Gänsehaut-Salons" in der Blauen Gans, bei denen auch Gäste eigene Texte mitbringen und vortragen konnten, machten Lust auf mehr: im Herbst soll eine Fortsetzung folgen. "Dieses Zusammenrücken und zum Denken angeregt werden, ist gerade in Zeiten wie diesen bei den Menschen wieder sehr gefragt", erklärt sich Gfrerer den Erfolg der Veranstaltung. "Man spricht ja auch bereits vom neuen Biedermeier, selbst wenn es nicht so bieder daherkommt." Seiner Meinung nach hätte er noch vor einem Jahr mit einer derartigen Veranstaltung nicht so viel Erfolg gehabt.

Weltkulturerbsenzähler
Als "sehr problematisch" empfindet Gfrerer die in Salzburg weitverbreitete Einstellung, sich "auf der Mozartkugel ausruhen zu können". "Ich habe aber die Hoffnung, dass sich die Stadt noch mehr in Richtung einer modernen Kulturstadt entwickeln wird, wenn die Leute die eingebaute Eigenrentabilität der modernen Kunst entdecken". Damit könne man in Salzburg viel erklären. Finanzieller Gewinn dürfe jedoch nicht das einzige Argument sein, denn durch Kunst könne bei aller Verschiedenheit der Geschmäcker ja auch "Freude entstehen".

Statt für Freude für Aufreger sorgte jedoch das im Mozartjahr 2006 veranstaltete Contemporary Art-Festival "Kontracom" mit moderner Kunst an öffentlichen Plätzen. "Da kamen wirklich von Zeitungen Meldungen, dass Kontracom den Weltkulturerbe-Status gefährdet. Das war schon ein traumatisches Erlebnis, wieviel Aggressivität dabei mobilisiert wurde", erinnert er sich. Das sei "wie die Angst der Leute vor der Vertreibung aus dem Schrebergarten Eden". Er "bearbeitete" das Geschehen, indem er T-Shirts mit der Aufschrift "Weltkulturerbsenzähler" drucken ließ.

Ähnliche Reaktionen hätten bereits 2003 bei dem Kunstwerk "Arc de Triomphe" der Gruppe "Gelatin" stattgefunden. "Ich finde diese Parallele schön, die dieser 'Penismann' ausgedrückt hat. Dieses Selbstreproduzierende in der Kunst kann man auch auf die Mediendiskussion über derartige Dinge umlegen. Das ist immer die gleiche Systematik von Provokation und Provoziertsein-Wollen", findet Gfrerer. Ein weiteres "Highlight" dieser Debatte sei schließlich die Diskussion um den Anselm Kiefer-Pavillon gewesen. "Damals gab es wirklich eine Pattstellung, was mit dem Pavillon geschehen soll und die Politik benötigte noch positive Stimmen, um das Kunstwerk überhaupt zu erhalten. Das war dann wirklich schön, wie viele aus dem Kulturbetrieb spontan ihre Solidarität kundtaten und auch Geld für die Verlegung des Pavillons zur Verfügung stellten".

City-Lab
Als eine Art "Vordenker" die urbane Entwicklung der Stadt betreffend, fungiert auch der "Altstadt-Verband", in dessen Vorstand Gfrerer ist. "Zuletzt haben wir hier die Bildung eines Kreativwirtschafts-Clusters thematisiert. Die Veranstaltungsreihe "City-Lab" soll dabei in Form von Salons die Diskussion zu diesem Thema anregen", erläutert er. Als Vorbild soll hier die Wiener Förderagentur "departure" dienen: "So stellen wir uns das für Salzburg auch vor, nur haben wir noch kein Budget dafür. Der Bürgermeister ist durchaus gesprächsbereit, aber bis Mittel wirklich zugewiesen werden, dauert das halt immer". Betrachtet man allerdings das Tempo, mit dem Gfrerer bisher alle seine Projekte verwirklicht hat, werden wohl auch diese nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Das Gespräch führte Martina Sperling/APA
quelle: apa