Literatur = Resonanz

09im interview: Thomas Oberenders Wahrnehmung von Salzburg
Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren und in Weimar aufgewachsen, ist der bislang jüngste Schauspieldirektor, den die Salzburger Festspiele je hatten. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau Bettina - zukünftige Dramaturgin am Landestheater - und seinem Sohn Edwin in Salzburg. Mit seiner Begeisterung für die historischen Stätten und Wurzeln dieser Stadt ist es ihm zum Beispiel gleich zu Amtsantritt gelungen, die legendäre Wiege der Festspiele, Max Reinhardts Schloss Leopoldskron, nach über sechzig Jahren wieder für das fEstival selbst zu öffnen. Uta Gruenberger hat ihn zu seiner Wahrnehmung von Salzburg befragt.


GÄNSEHAUT: Wie ist dein Lebensgefühl in der Stadt? (auch deiner Familie?)

Im Grunde hat man für den Urlaub, den man als Ortsansässiger in dieser Stadt gerne jederzeit machen möchte, in meinem Beruf leider kaum Zeit. Aber der Luxus, in nächster Nähe zu diesen Seen und Bergen zu leben, ist sehr wohltuend, wenngleich eher latent als wirklich manifest in meinem Alltag. Und so bleibt das Verwöhntwerden der Augen und Sinne beim täglichen Weg ins Büro durch den Mirabellgarten, über den Mozartsteg und alten Markt - es ist wie ein Dauerurlaub in einer Fotopostkartenwelt, schön und so unberührbar zugleich. Es ist ein Ort, um zur Ruhe zu kommen.

GÄNSEHAUT: Was ist für Dich (als Zugereister) das Besondere? Was fasziniert Dich?

Im Grund reist die alte und neue Welt jeden Sommer nach Salzburg nicht anders, als in das sterbende Venedig - beide Male lockt die Wiederbegegnung mit der alten Kultur, ein Gesamtkunstwerk aus ewigem Barock, Bergen, Seen, Mozart-Lieblichkeit und gutem Essen. Das ist wie eine Reise in Thomas Manns Lagunenstadt, zu San Marco und der Fahrt mit der Gondel, immer auf den Spuren einer morbiden Schönheit, von der man jedes Jahr glaubt, man erlebe sie vielleicht zum letzten Mal. Und in ihrem goldenen Zeitalter eingefrorene Orte wie Salzburg, Weimar oder Venedig sterben so erfolgreich, nicht nur weil sie ihr Erbe so reaktionär bewahren, sondern auch erneuern. Venedig, das ist nicht nur der Canal Grande, der Lido-Zauber, sondern auch die Biennale, das oftmals verstörende, betörende Mekka der bildenden Kunst. Das hält Venedig aus - so wie Salzburg die Festspiele.

GÄNSEHAUT: Was fehlt Dir hier? Was könnte anders sein?

Die Stadt ist sehr überschaubar, wenngleich nicht wirklich durchschaubar. Sie weckt bisweilen ein Bedürfnis nach Anonymität, nach der Gleichgültigkeit der Großstadt, in der man sich nirgends anschließen muss, keinem Zirkel oder Kreis angehören muss und nichts darstellt, als das, was man ohne Titel und Amt tatsächlich zu sein glaubt. Die moderne Architektur in der Stadt sorgt oft an ganz unerwarteten Stellen für wirklich großstädtische Überraschungen. Aber die Chance, bei markanten Neubauten wirklich Akzente zu setzen, wie beim Neubau des kleinen Festspielhauses, der Umgestaltung des Furtwängler-Parks oder dem Neubau des Museums der Moderne ist vertan worden.

Da entstanden trotz enormer Anstrengungen harmlose Kompromissbauten, die man sich, kaum sind sie da, schon wieder erneuert wünscht. Die Berliner bauen da lieber gleich ihr altes Stadtschloss wieder auf.

GÄNSEHAUT: Wo hast Du Resonanz erfahren in der Stadt?

Die Resonanz ist ja ein vieldeutiger Begriff - sie kann einen Widerhall bedeuten, den man von unterschiedlichsten Dingen oder Umständen bezieht oder in ihnen auslöst. Zunächst sind es aber sicher Menschen, die man durch sein eigenes Tun in eine gewisse Schwingung versetzt, bzw. von denen eine Energie ausgeht, die einen selbst mitschwingen lässt. Markus Hinterhäuser ist solch ein Mensch mit ganz eigener, frei bleibender Schwingung. Oder die Verlegerin Mona Müry. Oder eine magische Physiotherapeutin wie Eva Kuschnigg. Aber auch soziale Körper können dergleichen auslösen. Die Festspiele z.B. sind ein solcher Generator guter Schwingungen, oder ein gutes Lokal wie Scios Specereien oder die Blaue Gans oder das Triangel, wenn man zur rechten Zeit kommt. Und dann gibt es die Resonanzen im Sinne eines Medienechos auf die eigene Arbeit. Dazu zählen auch die Publikumsreaktionen am Abend bei den Vorstellungen, die Besucherbriefe, Anrufe. Zur Resonanz gehört die Erregung, das Angeregtwerden, das Überspringen eines Impulses - auch das habe ich erlebt, indem Menschen mich spontan auf Erlebnisse im Schauspielprogramm ansprechen und etwas loswerden wollen. Obgleich Salzburg eine Stadt ist, in der vieles nicht nur zwei Gesichter hat, sondern gar keines und man somit in das Innere der Häuser und Haltungen als Fremder kaum vordringt. Das Schwert der Salzburger, scheint mir oft, ist ihr Lob. Man muss sich von ihm unabhängig machen, damit sie es auch so meinen. Die beipflichtenden Menschen sind nicht selten die gefährlichsten Sterbehelfer. Aber das trifft wahrscheinlich auf jeden Ort von so kompakter Struktur und ähnlichem Geschäftssinn zu, obgleich der Festspielwahnsinn, der Mozartwahnsinn und der Bilderbuchwahnsinn dies alles noch verstärken. Entsetzlich ist, dass diese Stadt so klein ist, tatsächlich im statistischen Sinne. Hier ist alles mit allem verbandelt und man ist auf so kleinem Raum zu engster Abstimmung verpflichtet - die auch immer, getreu dem Festspielmotto, ein Spiel der Mächtigen ist. Wie bedenklich ist es, dass die Festspiele eine solche Macht entwickelt haben, dass sie sich allein schon in der vorausseilenden Form der ihr entgegengebrachten, allgegenwärtigen Devotion manifestiert? Bei gleichzeitiger Ignoranz dessen, was bei den Festspielen wirklich passiert oder geleistet wird oder eben nicht? Sie verkaufen im Sommer das Vierfache der Karten der Bayreuther Festspiele - das ist nicht mehr steigerbar und zeigt zugleich, dass die Energie, die von den Festspielen ausgeht, eigentlich etwas zum Schwingen bringt, das sich diese Stadt zwar zum Ort wählt, aber nicht der Ort ist. Das fasziniert. Dieses Mitdenken des zweiten Ortes, der innerhalb dieser Stadt lebt und doch in ihr nie aufgehen kann und darf. Man muss sich in dieser Stadt bewegen wie auf einer Seance, denn am Tisch sitzen immer mehr Menschen, als sich gerade an den Händen halten. Diese Geister muss man herunterbeten. Dann stimmt die Schwingung.

GÄNSEHAUT: Lösen die Festspiele etwas aus, was nach deren Ende auf dich oder als spürbare Stimmung insgesamt weiterwirkt?

Nach ihrem Ende passiert etwas Merkwürdiges: Aufatmen, dass man für den Weg zum Büro nicht mehr achtzehn, sondern nur noch zwölf Minuten braucht und der Mozartsteg nach Wochen der Blockade durch fotografierende Touristengruppen endlich wieder halbwegs passierbar ist. Und zugleich der große Katzenjammer - die Müdigkeit setzt ein, der Adrenalinspiegel sinkt und all der Austausch hat ein Ende. Für zehn Monate Arbeit gab es fünf Wochen Rückstrahlung und Ausstrahlung, danach beginnt wieder das Leben im Elfenbeinturm des Büros auf dem Mönchsberg bzw. das Umherfahren auf den Wegen des Geschäftsreisenden, zu dem man selbst wieder wird. Kunst - das war die kurze Zeit des Abenteuers, in der man sah, wie die eigenen Ideen ins Leben treten, Raum greifen oder verpuffen. Die Wirtsleute machen erst mal Urlaub, man selbst in Windeseile das nächste Programm, und dann ist die Stadt im November plötzlich wieder leer, wie man selbst, und gehört den Gärtnern im Mirabellpark, die über Nacht die Blumen aus den Rabatten nehmen. Um in der Stadt zu leben, ist es die schönste Zeit.

("Es klingt der Stein" …)
Man kann nicht unter dem Felsen des Mönchsberges stehen, ohne an Thomas Bernhard und die von keiner Zeitung erwähnten Selbstmörder zu denken. Man kann nicht über dem Toscanini-Hof stehen, ohne das schöne Gedicht von Trakl zu lesen oder an der Salzach entlang gehen, ohne an das Erstaunen jener Journalistin zu denken, neben der Peter Handke plötzlich seine Sachen ablegte und im Fluss baden ging. Und man kann nicht auf dem Kapuzinerberg an Stefan Zweigs ehemaligem Haus vorübergehen, ohne an die Verbrennung seiner Bücher in der Stadt zu denken, an Hitler in Sichtweite auf dem Obersalzberg und den Selbstmord des Dichters im fernen Petrópolis, nachdem er von Schlägern und Bomben im Garten via London ins brasilianische Exil gezwungen wurde. Vladimir Vertlib lebt in Salzburg, doch ich habe noch kein Interview mit ihm zu aktuellen Anlässen in den Salzburger Nachrichten gelesen. Das Café Bazar ist wunderbar, aber es bleibt beim Bernhard-Zitat auf der Speisekarte, kein Dichter am Tisch. Dafür gibt es großstädtische Buchhändler wie Klaus Seufer-Wasserthal von der Rupertus Buchhandlung und kluge Literaturvermittler wie Brita Steinwendtner und Tomas Friedmann in der Stadt. Zudem zahlreiche Verlage und nicht zu vergessen - viele, viele Leser, wie man bei den verschiedensten Veranstaltungen immer wieder dankbar feststellt.

GÄNSEHAUT: Kulturstadt Salzburg: ist das so? Welche Identität hat die Stadt?
Die Stadt ist ein Bollwerk. Die Stadt ist eine Bühne. Die Stadt ist ein Dorf. Die Stadt ist ein Freilichtmuseum. Die Stadt ist himmlisch. Die Stadt ist obszön ob so viel Reichtums und so großer Angst. Die Stadt ist die Audi-flotte, ist Hermès, ist Montblanc, ist selbst eine Marke und Marketingmaschine. Die Stadt ist Musik. Und die Stadt ist der Fluss mit seinen wechselnden Farben. Die Stadt sind die Fremden, die kroatische Gemeinde in der Andräkirche und auf dem Vorplatz die italienische Wohnmobilkolonie zum Jahreswechsel. Die Stadt sind die Straßenkünstler inmitten der Gassen und der rote Festspielteppich auf braunem Asphalt. Die Stadt ist ein hohler Berg, der Fluss unterm Festspielhaus und die Pferdescheiße davor. Die Stadt ist das "Herz Europas" und Pilgerort von achzigtausend Japanern im Jahr. Ist Mozartkugeln, Rehrücken, Schatz und Demel und das Priesterseminar. Die Stadt, das sind die Scheinwerferkegel der Polizeipatrouille am Schwulentreff im Garten von Schloss Mirabell und die weiß gekleideten Gäste der Welt-Milch-Nacht im Park nebenan. Die Stadt sind die betrunkenen Jugendlichen am Rudolf-Kai und bettelnde Zigeuner. Die Stadt sind pittoreske Türmchen, besetzt von Obdachlosen und die Bilder im Sucher der Kameras. Sind der Bombentreffer auf die Kuppel des Doms und die Maibaumerkletterer im Park vor Schloss Aigen. Die Stadt ist Kulisse und Abgrund und Normalität. Thaddaeus Ropac ist die Stadt und ist sie auch nicht. Die Stadt ist der Flohmarkt in der Merkurhalle und das Waldbad in Anif. Die Stadt sind die Rotaryclubs und die Lions. Und Reichelts und Kölbels und Fürsts. Die Stadt sind Red Bull und seine Arena und die Szene Salzburg und die Tänzer im SEAD. Die Stadt ist das alte Panorama in der neuen Residenz und der Bildschirm darüber. Ist die Schranne und das Dorotheum und Mozarteum. Die Stadt ist etwas, das vor allem Amerikaner lieben. Die Stadt ist ein Stadtbad für alle und ein versteckter See an der Salzach, der Würstelstand an der Brücke und der Baumstamm durch das Dach des Fischrestaurants. Die Stadt ist eine ewige Baustelle am Dom, ein Flughafen mit Katzen und der Alptraum der Alpenstrasse. Die Stadt ist der Regen. Der Regenstau auf den Straßen. Ist der Blick auf die Paraglider am Gaisberg und das Weißbier im Glas. Die Stadt sind die eisernen Altstadtgesetze, McDonalds-Schilder im Barockstil und die verschlossenen Passagen ab abends halb neun. Die Stadt ist Mozarts nachgebaute Laube im Hof des alten Mozarteums und sein weggebombtes Wohnhaus, das jetzt wieder steht. Die Stadt ist Hitlers Balkon vor dem Landestheater und The Sound of Music im Marionettentheater. Die Stadt ist Leopoldskron und sein Hausherr, Max Reinhardt, einsam gestorben im Exil. Die Stadt ist die Irre, die hunderte Tauben unter Abramovics Stühlen füttert und auch die japanische Verkäuferin des Obdachlosenblattes. Die Stadt ist Karajans Porsche und das Salz aus Hallein. Ist der Selbstmord des Dichters Dirk Ofner und seine Meldung in einer Zeitung aus Wien. Die Stadt sind Münchner Mieten, Rentnerresidenzen und der Familienpass für Familien. Sind im Sommer die Taxifahrer aus Wien und die vermieteten Wohnungen der festspielflüchtigen Bürger. Die Stadt sind verlorene Olympia-Millionen und eine Idee von Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß, die noch lebt. Die Stadt ist zweierlei Recht und zweierlei Maß. Die Stadt ist, was sie ist und was sie uns erlaubt, in ihr zu sehen.