Musik = Resonanz

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Markus Hinterhäuser ist Konzertchef der Salzburger Festspiele und bewegt in dieser Manager-Funktion einen gar großen Trupp von Musikkünstlern aus aller Welt nach Salzburg.

Weil er als international renommierter Pianist aber auch selbst die zart besaitete Künstlerseele in sich trägt, gibt es Tage, an denen seine hochdotierten Hände besonders tief in den Hosentaschen stecken, wenn er durch die Philharmonikergasse des Weges ist und Salzburger Einheimische ihm instinktiv das "Grüßgott" eher zunicken als ihn damit direkt anzugehen oder ihn gar zu Tagesaktualitäten zu befragen. Man könnte dies als instinktive oder Hinterhäuser-spezifische Resonanz Salzburgs auf einen ihrer prominenten Bürger bezeichnen. Denn die Stadt kennt den ehemaligen Mozarteum-Studenten aus La Spezia, bella Italia, der mit seinem Zeitfluss-Festival für moderne Musik (1993-2001) für soviel Furore und Festspiel-Zusatzfreuden sorgte, mittlerweile gut und von weitem.



Und Markus Hinterhäuser, 50, mit einer Salzburgerin verheiratet, kennt die Stadt nach so vielen Jahren des Wirkens und Werkens wiederum in- und auswendig. Er weiß um ihre sämtliche Glanz- und Schattenseiten und hat an Tagen wie diesen, in seiner Kantine "Spoon" vor einer Thai-Suppe sitzend, tief im Herbstpullover und in organisatorische Sorgen ums kommende Festspielprogramm versunken, auf die Frage nach seiner Resonanz auf Salzburg nur ein besonders bedeutungsvolles, allumfassendes "Ja mei!" als Antwort. Und man verstummt automatisch, verständnisvoll nickend in einer Art still verabredeten, gemeinsamen Schweige-Resonanz.

Weil Markus Hinterhäuser aber selbst an Tagen wie diesen hinter seinem prophylaktischen Muff nie die ihm eigene Umgänglichkeit verliert, bekomme ich zwischen Asia-Huhn und Espresso Doppio doch noch eine besonders persönliche Reflektion - ein leise auswendig zitiertes Gedicht von Georg Trakl spendiert.


Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl (1913)


Markus Hinterhäuser wurde 1958 in La Spezia geboren. Er absolvierte sein Klavierstudium am Wiener Konservatorium und am Mozarteum Salzburg. Mit Tomas Zierhofer-Kin war er Gründer und langjähriger Leiter des Zeitfluss-Festivals (Salzburger Festspiele) und von Zeitzone (Wiener Festwochen). Seit 2005 ist er Konzertdirektor der Salzburger Festspiele. Markus Hinterhäuser lebt in Salzburg.

autor: uta gruenberger