RESONANZ IM HAUS | JULIUS DEUTSCHBAUER

Julius Deutschbauer
Vierzig weniger eine Nacht - Zehn und ein Plakat


Wäre ich in den 40 Zimmern der Blauen Gans nicht so gut aufgehoben, hätte ich mich längst schon in einer der unzählbaren Kirchen Salzburgs selbst aufgebahrt: von alpha bis omega: vom Dom bis zur Kollegienkirche: dazu Buß- und Sühnechampagner. Kaum, dass ich Salzburg betrete oder in Salzburg einfahre oder es anfliege gar, wie auch immer, befinde ich mich in einem bestattungsfähigen Zustand. Mit letzter Kraft schleppe ich mich in die Blaue Gans, werde dort von Anderl Gfrerer so Gott will - und Er wollte immer - aufgenommen, gelabt und in eines der 40 Zimmer geschickt: jedes Mal auf ein anderes. Und dort empfangen mich Freuden ungeahnten Ausmaßes, unverdiente Güte über unverdiente Güte. Statt also tot und angefault, verhandelbar als eine Leiche (nachgerade der Idealzustand für den idealen Salzburgbesucher): gerettet! Geschützt, gesichert, unbedroht!



So wie es diese Stadt versteht mit Leichen umzugehen, selbst eine Leiche Verkehr mit einer ganz ungewöhnlichen Anzahl von Leichen pflegt, so versteht es Anderl Gfrerer, seine Gäste - mich! - zu verwöhnen. Hat Dich erst einmal die Gans gestohlen, gibt sie Dich nie mehr her! "Und der Wolf weilt hier tatsächlich eine Zeitlang bei dem männlichen Lamm, und der Leopard lagert bei dem Böckchen, und das Kalb und der mähnige junge Löwe und das wohlgenährte Tier, alle beieinander. Und der Jul und die Blaue Gans, zusammen lagern sie auf Zimmer sechs mal sechs.", weissagte bereits alttestamentarisch der Prophet Jesaja. Mittlerweile 111 Plakate: 10 und 1 Plakat mit Salzburgbezug. Das erste 2001: Die Bibliothek ungelesener Bücher residierte in der Residenzgalerie und ich das erste Mal in der Blauen Gans. In dieser Nacht veranstaltete ich einen Interviewmarathon zu ungelesenen Büchern unter dem Titel "In bed with Deutschbauer".

Kurze Zeit später eröffneten Gerhard Spring und ich als Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Kulturstaatssekretär Franz Morak die Salzburger Festspiele im Salzburger Kunstverein. Diese Nacht verbrachte ich standesgemäß in der Suite festspielhaus, mit allem legalen und semilegalen Service, das ein Hotel nur bieten kann: Gewölbegang mit antikem Marmor, Vorzimmer mit Garderobe, Extrazimmer für einen dritten Mann, Schlafzimmer und Wohnzimmer getrennt, Badezimmer mit separatem WC. Toller Blick auf Pferdeschwemme und Festspielhaus. Direktwahltelefon. Noch im selben Jahr gingen wir in der Galerie Thaddaeus Ropac 7 Wochen in Klausur. Nicht die ganzen 7 Wochen brachte ich in der Blauen Gans zu, jedoch die 3. bis 9. Nacht all meiner Blauen Gans Nächte: Suite Maisonette. Diese Suite ist mir ein System aus Scharnieren geworden, die gleichsam Durchgangspunkte bilden, durch welche die Verbindung von oft delikaten Empfindungen hergestellt wird. Kaum betrete ich dieses Zimmer, befinde ich mich in einem feinsinnig ausgeklügelten System von Vorrichtungen, die einzig dazu angetan sind, diese Empfindungen passend in Verbindung zu setzen.
Zum Plakat Antifaschismus-Mahnmal auf dem Bahnhofsvorplatz (2002) logierte ich gleich 2 Nächte im Antifaschismuszimmer.

Mit unserem 5. Plakat mit Salzburgbezug gratulierten wir uns zum insgesamt 50. Plakat sowie der Galerie 5020 zu ihrem 10. Geburtstag. Damals beherbergte mich Anderl Gfrerer im legendären Echo- oder Resonanzzimmer. Ich war noch nie mit einer so lauten Frau zusammen, das lag aber am Zimmer und nicht an der Frau. Sonum repercussu multiplicare. Das Entzücken blitzte und funkelte und schwätzte und tönte und echote da von drinnen nach draußen und von der Stadt an der Salzach ins Land hinein in Wälder und Felder. Doch auf einmal ein Gelächter: Echos in den Hotelgängen und - hallen, Echos überall. Danach dauerte es fast zwei Jahre bis ich wieder in der Blauen Gans übernachtete.

Das war 2004. Die Galerie Thaddaeus Ropac feierte ihr 20 Jahre-Jubiläum und ich mit einem neuen Plakat 5 Nächte in der Blauen Gans. Doppelzimmer Artelier. Ich denke das Zimmer verwüstet und seinen Raum erhalten. Ich weiß nicht, wie oft Anderl Gfrerer dieses Zimmer schon renovieren lassen musste.

2005 eröffneten wir wieder, denn eröffnet muss sein. Künstler Julius Deutschbauer und Künstler Gerhard Spring eröffnen die neue bauMax-Filiale in der Salzburger Altstadt (bauMax-x, Salzburg, Kunstverein Salzburg). 7. Plakat in Salzburg: 19. Nacht in der Blauen Gans. Dies bedeutete wohl die unheimlichsten Erlebnisse, die ich mit Salzburg verbinde. Jede Nacht, wenn die verhängnisvolle Glocke - und deren gibt es in Salzburg wahrlich genug - ertönte, verschwanden meine Begleiterinnen und ich fiel sofort in Ohnmacht. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie lange diese anhielt. Ich weiß nur, dass ich einmal an der Stelle über dem Toskanini Hof, von der sich die meisten Selbstmörder Salzburgs in die Tiefe stürzen, ein andermal am Mönchsberg erwachte.

2006: Der Höhepunkt: Mozartjahr: Jedermanns Mozart in der Blauen Gans. Dies brachte mir gleich 4 Nächte und 4 Zimmer in der Blauen Gans ein. Anderl Gfrerer hatte uns eingeladen, in einem 12-Stundenmarathon das Mozartjahr des Salzburger Festspielssommers am Vorplatz der Blauen Gans zu eröffnen. Das ganze Hotel stand bereit wie ein Orchestrion. Jemand brauchte nur eine Münze einzuwerfen, und schon begannen wir zu spielen, Bilder zu werfen usw. Wie eine Kapelle war das ganze Hotel, alle auf dem Sprung und konzentriert. Erst nach 12 Stunden durften sich alle hinsetzen und sich aufstützen oder sich in die Zimmer verziehen. Noch zeugt ein großes Gemälde von dieser Aktion. Ich logierte damals im sogenannten GPS-Zimmer. Das Bett in diesem Zimmer ist damit (deutsch: Globales Positionsbestimmungssystem) ausgestattet. Da ich in dieses System nicht eingeführt bin, habe ich einmal erst am Morgen bemerkt, dass ich nicht allein im Bett lag. Die nächste Nacht passierte mir das nicht mehr. Anderl Gfrerer persönlich schulte mich ein auf das satellitengestützte Navigationssystem auf Zimmer 9, das eigens zur bettweiten Positionsbestimmung entwickelt wurde. Gold-Codegeneratoren von Gans statt Goldbergvariationen von Bach. Damit ein GPS-Empfänger immer zu mindestens vier Satelliten Kontakt hat, werden insgesamt mindestens 24 Satelliten eingesetzt, die die Blaue Gans jeden Sternentag zweimal in einer Höhe von 20.183 km passieren.

Zum 9. (insgesamt 101.) Plakat war ich endlich wieder allein, ich leistete mir eine Plakatabrechnung in der Galerie Thaddaeus Ropac, und die Galerie Ropac leistete es sich, eine Bronze des Bibliothekars der Bibliothek ungelesener Bücher mit Tick zu produzieren. Wir, Bronze und ich, bezogen ein Einzelzimmer. Gegen morgen wurde es der Bronze zu eng mit mir im Bett und sie ging. Ich blieb noch eine Nacht. Die Arbeiten an dem Film Sound of Migration für die Szene Salzburg bedeuteten 10 Nächte und 11 Zimmer in der Blauen Gans. Anlässlich der guerilla convention (ARGEkultur Salzburg) schlief ich artgerecht unterm Bett, jedoch nicht allein.

Einmal war ich heimlich in Salzburg: Zimmer 38. Zur blauen Stunde war ich auch schon wieder ausgecheckt. Das nachmittägliche Gastspiel ist, nach Auskunft des Hoteliers, zwar ein Klassiker unter den Hotelbuchungen, wird aber leider nur mehr selten angenommen. Dürfte etwas aus der Mode gekommen sein, ähnlich wie die Nassrasur beim Frisör (nur einer der Zimmerservices, den die Blaue Gans bietet).

Bei meinem Gang durch Salzburgs Institutionen habe ich mich durch die ganze Blaue Ganz geschlafen. Es handelt sich um einen Torso, der mitten in der 39. Nacht abbricht. Einmal muss ich noch kommen, dann bin ich durch, dann beginnt der Reigen wieder von vorne.

DEUTSCHBAUER/SPRING
waren von Anfang an fixer Teil des Kunstkonzepts für unser Haus. Im Mozartjahr 2006 eröffneten sie ihr "Referat Mozart 2056" in der Blauen Gans, und riefen mittels Plakataktion stadtweit zur Teilnahme auf. Das Plakat für "Jedermanns Mozart in der Blauen Gans" ist nunmehr als Ölbild bleibend im Haus vorhanden. Für GÄNSEHAUT hat sich Julius Deutschbauer an seine Aktionen mit Salzburg-Bezug "erinnert".