Alle Macht der Kunst - Part 1


Jonathan Meese über Salzburg als Energiezentrum und Präsentierteller der Superlative, seinen Dienst an der Kunst in der Arbeit an „Dionysos“ und den Kunstbunker Blaue Gans



Gänsehaut: Die Uraufführung von „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen war ein riesiger Erfolg, und die Rezensenten freuen sich über das verspielte Bühnenbild. Sie selbst haben gesagt, dass es ein idealer Arbeitsauftrag war, wenig Informationen zum Stück, das ja erst zwei Monate vor der Premiere fertig geschrieben war, zu haben, und dass Sie sich nie mit Musik, schon gar nicht die von Wolfgang Rihm, beschäftigt hatten. Unwissenheit und Leere als Voraussetzung, Fülle zu schaffen. Wie verlief der (Arbeits-)Prozess von den Stichwörtern (z.B. „Meer“, „Berg“, Bordell“ für die Räume, und „Nietzsche“, „Nymphen“, für die Figuren) zum fertigen Bühnenbild?

Jonathan Meese: Die Kunst ist das Totalste Naturereignis der Sache. Der liebevollste Dienst an der Sache „DIONYSOS“ verlief vollends totalstmetabolisch, also unterstand den Gesetzen der Notwendigkeit, nicht des Willens, zum Glück. In der Kunst zählt nur das 1. Gesetz: Sieh von DIR ab, Mensch erkenne: der Menschenwille ist für Kunst absolut irrelevant. Kunst kann man mit Wissen, Ideologien, Niederknien oder Nostalgien nicht erzwingen. Kunst ist unberechenbar, unzähmbar, undemokratisch und religionsfrei... Kunst ist liebevollste Verdrängung jeglicher Unterwürfigkeit. Kunst ist totalste Verantwortlichkeit und saugt nur Demut an. Die meisten Menschen stehen sich selbst im Wege, indem sie sich nicht als Spielzeug der Kunst anerkennen. Der Mensch ist Dekoration der Kunst. Kunst ist keine Menschenkreativität, sondern Erzinstinkt.

Gänsehaut: In der Erzählung geht es unter anderem um die Zerrissenheit des Menschen zwischen den göttlichen Prinzipen des Chaos und des Rausches (Dionysos)einerseits, und andererseits denen der Ordnung und Klarheit (Apoll). Ihr Bühnenbild vereint alles davon. Hatten Sie in der Entstehung dieser Bühne auch einen Kampf zu führen, mit sich, den Göttern, den Dingen, oder wem/was auch immer?

Jonathan Meese: Es ist bei der Kunst ultimativ notwendig jegliche Realitätsillustration, jegliche Esoterik, jegliche Durchdemokratisierung, jegliche ICH-Suche und jede Menschenideologie sausen zu lassen, das kann manchmal ein Kampf sein, ein guter Kampf, denn in der Kunst ist es vollkommen klar, was nicht passieren darf, die „Führungsbefehle“ der Kunst sind eindeutigst und superpräzise: Atme, Schlafe, esse, trinke, verdaue, hermetisiere, sei neutralst, metabolisiere, entdemokratisiere, sei instinktiv usw. ... das ist das Handwerk der Kunst. Zerreißen kann einen nur die schreckliche Realität, die Kunst macht aus allem nur das antiseparatistisch Geilste. Kunst tut, was sie will, wir folgen, mehr ist es nicht, weniger auch nicht. Die Kunst ist die Nr. 1, einzige und letzte Autorität aller Zeiten... Die Herrschaft der Kunst ist die totale Zukunft.

Gänsehaut: Ihre Installationen sind auch Bühnen, Räume der Inszenierung Ihres Künstlerselbst. Was ist anders, wenn Sie für ein Opernhaus zeichnen und malen?

Jonathan Meese: Wenn man für ein Opernhaus arbeitet, sieht man zwangsläufig von sich ab, außer man verwechselt sich selbst widerlichst mit der Kunst. Bei „Dionysos“ ging es um liebevollste Präzision gepaart mit liebevollster Zurückhaltung, also Dienst an der Sache, also niemals am eigenen Ich. Jonathan Meese ist sehr froh, dass alle Beteiligten an Dionysos liebevollst von sich absahen und die Dinge einfach laufen ließen. Jonathan Meese sucht nichts, findet nichts, sondern wird beschenkt sein mit der Herrschaft der Kunst, also Diktatur der Kunst: Kunst spielt sich an allem ab...

Gänsehaut: Wie sehr waren Sie bei der konkreten Umsetzung Ihrer Entwürfe in den Werkstätten der Salzburger Festspiele eingebunden, und wie war diese Erfahrung für Sie?

Jonathan Meese: Die meisten Dinge, Gegenstände und Spielzeuge für Dionysos wurden in Berlin liebevollst hergestellt und in Salzburg zum Teil mit größter Hingabe überarbeitet, verändert, feinjustiert und angepasst, super, super, super ... es ist toll zu sehen, wie aus kleinsten Vorschlägen große Präzisionen entstehen können, toll, toll, toll. Jonathan Meese hat für Salzburg Spielzeug der Kunst zur Verfügung gestellt, also spielt los, legt los.

Part 2 folgt
Text: KB; Bild: Peter Rigaud / markenredaktion blaue gans salzburg