Mythos Tragödie

Zum Jahresthema der Salzburger Festspiele 2010



Mythen sind Geschichten. Ohne Quelle oder Autor über die Jahrhunderte überliefert und mit einer allgemeinen Gültigkeit versehen, ohne zu erklären, erzählen sie uns, wer wir sind und sein könnten, wie sich Gegenwart auf Vergangenheit begründen kann. Die Götter dieser Erzählungen haben sich den Menschen zur Unterhaltung erschaffen, und um diese Konflikte geht es wenn es heißt „wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“. Die schicksalhaften Helden verursachen ihr Scheitern meist nicht selbst, es ist ihnen unausweichlich von den Ahnen vorbestimmt, unter deren Last und zu deren Vergnügen am Schauspiel zusammenzubrechen. Die Fallhöhe dieser schuldlos Schuldigen entspricht der Laune der Götter, kein Handeln kann sie erlösen. Darin liegt ihre Tragik.

In so mancher grausamen Geschichte erscheint der Tod noch als geringes Übel im Vergleich zu den Gräueln, die im Olymp ersonnen werden. „Das Glück bringt immer das Gleiche; das Unglück immer etwas Neues. Das Glück überrascht selten; das Unglück immer“, schreibt Michael Köhlmeier in seinem Essay im Programmbuch der Festspiele. Einer, der die göttlichen Strafen zu seinem Glück wenden konnte, fehlt allerdings im diesjährigen Programm der Festspiele: Sisyphos schafft es, in seinem scheinbar absurden Tun eine Glückseligkeit zu erleben, die nichts mit dem Sinn seines Handelns zu tun hat. Er rollt den Stein den Berg hinauf, ja, und dieser rollt wieder hinunter, und Sisyphos rollt ihn erneut wieder hinauf. Ohne Ende. Doch der Fels ist seine Sache, sein Schicksal gehört ihm. Indem er es angenommen hat und ausführt, hat sich Sisyphos der Macht der Götter entzogen und ist sein eigener Herr geworden. Die existenzialistische Lesart dieses Mythos macht ihn zu einem Drama wohl, aber eben nicht zur Tragödie.

© Text: KB  Bild: Sisyphos, Franz von Stuck, 1920
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