Ein Märchen


Es war einmal ein dunkler Wald, aus dem ein hoher Berg und schroffe Felsen ragten. In diesem Wald lebte ein großer, stolzer Hirsch, dessen mächtiges Geweih von seinem Alter und seinen Kämpfen zeugte. Alle kannten ihn, die Tiere, und die Menschen aus dem Tal. Schon oft hatten ihn die Bauern gesehen, wenn der Hirsch im Morgenlicht stand und die Strahlen der aufgehenden Sonne ihn wie eine Krone schmückten. Die Jäger waren schon oft mit ihren Hunden in den Lichtungen auf der Lauer gelegen, hatten den Hirsch beim Trinken am Bach überrascht. Doch immer hatte er sie erspürt, ihre Gier gerochen, und war kraftvoll davon gesprungen.

Von den Geschichten der Männer fasziniert, machten sich Hans und Maria, die ärmsten Kinder des Dorfes, eines Tages auf den Weg, um den Hirsch zu fangen. Es war vor dem Kirchgang am Sonntag, sie trugen ihr Festgwand und hatten Äpfel in den Taschen, die sie dem schönen Tier schenken wollten. Bald erreichten sie die Lichtung, wo das Tier gesichtet worden war, und, tatsächlich, da stand der Hirsch. Er rührte sich nicht. Die Kinder hielten den Atem an, bei jedem Schritt näher klopfte ihr Herz wilder. Plötzlich sprang der Hirsch weg, Hans erschrak und rannte aus dem Wald so schnell er konnte, ohne sich umzudrehen. Maria aber blieb stehen und wartete. Nach wenigen Minuten kam der Hirsch wieder. Er war nun prächtig geschmückt, mit bestickten Samtdecken am Rücken und goldenen, edelsteinschweren Ketten um den Hals. Er blieb vor ihr stehen und senkte den Kopf. Maria streichelte vorsichtig seinen Hals, legte ihre Wange an sein warmes Fell. Dann kletterte sie auf seinen Rücken, und beide verschwanden für immer.

Ausstellung Fabel und Mythos im Haus der Natur

Text: KB; Bild: Haus der Natur Salzburg / markenredaktion blaue gans salzburg