Wir kennen sie nicht



Es ist ein herrlicher Herbstmorgen, der Himmel strahlt, die Luft ist klar und frisch, die Stadt surrt von der Geschäftigkeit ihrer Bewohner und Besucher. Im Hof der Dietrichsruh, ehemals Lustgarten des Erzbischofs in seiner Residenz im Herzen Salzburgs, ragt eine schwarz verhüllte Skulptur aus dem Kies, entlang der einzig sonnenbeschienenen Fassade reihen sich die Kunstkenner. Awilda ist da.

Das neunte Werk des Kunstprojekt Salzburg, das im Auftrag der Salzburg Foundation moderne Kunst auf alte Plätze stellt, zeigt einen fünf Meter hohen Kopf aus weißgrau schimmernden Marmor. Die Züge sind weich, die Augen sind geschlossenen. Die im Nacken zum Zopf geflochtenen Haare bestätigen, dass sie weiblich ist. Doch noch sehen wir sie nicht, es ist erst zehn Uhr zehn, die "Smile Hour" der Uhrenverkäufer, weil diese Zeigerstellung ein Lächeln schematisch nachbilde und sich in der Werbung deshalb besser mache. Erzählt Jaume Plensa, der zum ersten Mal seine Figur an dem ihr zugedachten Platz erleben wird.

Seit 2004 beschäftigt sich der katalanische Künstler mit figurativer Skulptur. Sein umfangreiches Werk, das 1980 mit einer Einzelausstellung in der Fundaciò Miró in Plensas Heimatstadt Barcelona bekannt wurde, war anfänglich abstrakter und materialbezogener. Das Spiel mit dem Licht, den Tönen, entsprach Plensas Anforderung an synästhetische Kunst, die über die Sinne zur Erkenntnis führen kann. Die Idee, als Text, als Wort, als Buchstabe, ist zentraler Bestandteil seiner Werke. Mit den totemhaften, großformatigen Figuren erweitert sich der Gedanke zum Gefühl, und der Kopf wird Raum für die Seele, die Essenz des Menschen. Plensa arbeitet anhand von Fotografien, die er von tatsächlich existierenden Menschen macht, deren allgemein gültige Züge er in 3D-Modellen in Form bringt , um daraus universelle Portraits zu machen.

Awilda gibt es also wirklich. Der Legende nach eine dänische Prinzessin, die zur Piratin wurde, ist Awilda als weiblicher Vorname vor allem in Puerto Rico sehr verbreitet, und bedeutet wohl „die Ungezähmte“. Die Suche nach ihrer Herkunft verrät vor allem unsere eigene Unsicherheit und unser Bedürfnis, nicht bedingungslos annehmen, sondern verstehen zu wollen. Wir kennen sie nicht, aber sie ist da, und als der schwarze Samt Awilda schließlich freigibt, lächeln nicht nur die Uhren.

Text KB / Bild Salzburg Foundation / markenredaktion blaue gans salzburg