Jeder ein Mann


Warum das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes einem nach wie vor fremd und doch bekannt zugleich bleibt. 



Die Geschichte mag altbacken anmuten, sie hat doch immer Gültigkeit: Da überhebt sich einer an den guten, gar überflüssigen Dingen des Lebens, übersieht dabei die eine oder andere Wahrheit, wird arrogant und aggressiv, und muss am End erkennen, dass auch für ihn zum Schluss alles aus ist. Männer. Alle gleich.

Allegorisch geradezu, wie von Hofmannsthal ersonnen. Trotzdem weist das Publikum jede Ähnlichkeiten mit zumindest lebenden Personen weit von sich. Als Argument dient die Unglaubwürdigkeit des Bekehrungsmomentes. Wie, so spät so plötzlich so gläubig?!

Der Jedermann 2010, in der Besetzung mit Nicholas Ofczarek der jüngste seit der ersten Aufführung mit Alexander Moissi am 22. August 1920, ist laut und leutselig, herrisch, hart. Er bereut nicht, nicht einmal in letzter Minute, sondern bestätigt lediglich sein Scheitern am Leben und dessen unausweichliches Ende. Hier wird kein zweites Mal gelebt.

Seinen bescheidenen Werken, einem Lumpenmädchen mit Charme, gesteht er vermutlich nur aufgrund seiner körperlichen Schwächung – immerhin hat der Tod schon einmal nach ihm gegriffen, und die Erde hat sich aufgetan - den Kern seiner Handlungsunfähigkeit: „Dich habe ich mögen erkennen nicht“, und meint doch sich selbst. Innenschau ist unerträgliche Schwerstarbeit, der sich ein Mann gerne und leicht entzieht.

Dieser Jedermann ist darin wie jeder Mann. Den bitteren, aber erlösenden, Moment der Selbsterkenntnis schenken ihm Gott und Tod doch noch. Glück gehabt.

text © kb, foto © 2010 SALZBURGER FESTSPIELE
Bild: Jedermann (Nicholas Ofczarek), Tod (Ben Becker), Gott (Martin Reinke)
/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg


Nichts Menschliches ist uns fremd

Bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2010 zitierte Intendant Jürgen Flimm aus Max Reinhardts Rede "Über den Schauspieler", gehalten 1928 an der Columbia University. 
Hier ein Auszug aus dieser Liebeserklärung an das Theater..


"...die Leidenschaft, Theater zu schauen, Theater zu spielen, ist ein Elementartrieb des Menschen. Und dieser Trieb wird Schauspieler und Zuschauer immer wieder zum Spiel zusammenführen und jenes höchste, alleinseligmachende Theater schaffen. Denn in jedem Menschen lebt, mehr oder weniger bewußt, die Sehnsucht nach Verwandlung.Wir alle tragen die Möglichkeiten zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns. „Nichts Menschliches ist uns fremd.“ Wäre das nicht so, wir könnten andere Menschen nicht verstehen, weder im Leben noch in der Kunst.

Aber Vererbung, Erziehung, individuelle Erlebnisse befruchten und entwickeln nur wenige von den tausend Keimen in uns. Die anderen verkümmern allmählich und sterben ab. Das bürgerliche Leben ist eng begrenzt und arm an Gefühlsinhalten. Es hat aus seiner Armut lauter Tugenden gemacht, zwischen denen es sich schlecht und recht durchzwängt. Der normale Mensch empfindet gewöhnlich einmal im Leben die ganze Seligkeit der Liebe, einmal den Jubel der Freiheit, er haßt einmal gründlich, er begräbt einmal mit tiefem Schmerz ein geliebtes Wesen und stirbt am Ende einmal selbst. Das ist zu wenig für die uns eingeborenen Fähigkeiten, zu lieben, zu hassen, zu jubeln, zu leiden. Wir turnen täglich, um unsere Muskeln, unsere Glieder zu stärken, damit sie nicht einschrumpfen. Aber unsere seelischen Organe, die doch für eine lebenslängliche Arbeit geschaffen sind, bleiben ungebraucht, untrainiert und verlieren daher mit der Zeit ihre Leistungsfähigkeit.

Und doch hängt unsere seelische, geistige, ja sogar unsere körperliche Gesundheit auch von der unverminderten Funktion dieser Organe ab. Wir spüren unverkennbar, wie ein herzliches Gelächter uns befreien, ein tiefes Schluchzen uns erleichtern, ein Zornausbruch uns erlösen kann. Ja, wir suchen oft mit unbewußter Begierde solche Ausbrüche.

Unsere Erziehung freilich arbeitet dem entgegen. Ihr erstes Gebot heißt: Du sollst verbergen, was in dir vorgeht. So entstehen die sattsam bekannten Verdrängungen, die Zeitkrankheit der Hysterie und am Ende jene leere Schauspielerei, von der das Leben voll ist. Wir haben uns auf eine Reihe allgemeingültiger Ausdrucksformen geeinigt, die zu gesellschaftlichen Ausrüstung gehören. Diese Rüstung ist so steif und eng, daß eine natürliche Regung kaum mehr Platz hat. Wir haben ein oder zwei Dutzend billiger Phrasen für alle Gelegenheiten. Wir haben gebrauchsfertige Mienen der Teilnahme, der Freude, der Würde und das stereotype Grinsen der Höflichkeit. Bei Hochzeiten, Kindestaufen, Begräbnissen wird aus Händeschütteln, Verbeugungen, Stirnrunzeln, Lächeln ein gespenstisches Theater gemacht, dessen Gefühlsleere erschreckend ist."

/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg


Theater macht Geschichte

Die Salzburger Festspiele feiern Jubiläum

„Oper und Schauspiel, von beidem das Höchste“, forderten die Festspielgründer im Krisenjahr 1919, um den mitten im Ersten Weltkrieg besonders schmerzenden, immer gültigen Fragen nach Sinn, Werten und Identität Antworten, zumindest Möglichkeiten abzuringen.

Die erste Geschichte, die dabei Orientierung geben sollte, war das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes, das Hugo von Hofmannsthal am Platz vor dem Salzburger Dom erzählen ließ; wie bei den Mythen des Aristoteles sollte die schöne Dichtung eine Annäherung an die Wahrheit ermöglichen. Die Erzählweise hat sich seit der Antike ziemlich gewandelt, die Vorstellung von Autorität, höherer Wahrheit und allgemeiner Relevanz, die wir heutzutage einem Mythos zuschreiben, geht nun auch mit einer gewissen Verblendung einher.

So erklären sich die Salzburger Festspiele inzwischen selbst zum Mythos, und der „Jedermann“, der am 22. August 2010 im 90. Jahr aufgeführt wird, hat nach wie vor eine Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen mag. Alles blickt auf Nicki und Birgit, dem jüngsten Jedermann aller Zeiten und der Buhlschaft mit der rauchigsten Stimme. Beide haben als talentierte, begehrte und beliebte Darsteller schon Theatergeschichte gemacht, bei der ersten Premiere der diesjährigen Spielzeit schreiben sie das nächste Kapitel in der Geschichte der Salzburger Festspiele.

text: kb 
/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg

Salzburg ist nicht New York

…aber fast. Die SommerSZENE 2010 schenkt ihrer Stadt einen urbanen Raum für alle

Jeder hat so seine Geschichte mit Salzburg. Und Salzburg hält viele Geschichten bereit. Hier leben 149 Nationalitäten, eine weniger als in New York, hier kommen und gehen Menschen, deren Biografien und Begabungen bereichern die Stadt und speisen sich aus ihr, sie kommen und gehen, um hier oder weit weg von hier ihr Glück zu finden. Die SommerSZENE hat mit ihren Festivals seit Jahrzehnten die Kunst der Welt nach Salzburg geholt, nun holt sie aus der Stadt selbst heraus, was diese hervorzubringen hat.

Ungeahnte Schätze wurden da in langer Vorbereitung gehoben und werden in einer kompakten Woche vielerorts zu sehen sein. Der öffentliche Raum wird dafür zur Bühne, allerdings nicht im Sinne einer Vergangenheit, von der Salzburg nach wie vor gut lebt und welche die Stadt zur Bühne zugelassener Akteure erklärt hat, sondern als Raum, der allen zur Verfügung steht und den es zu füllen gilt, statt ihn bloß als Kulisse hastig oder unverdient ehrfurchtsvoll zu streifen. Bei der SommerSZENE ist alles echt, echt Salzburg. Mehr als 250 Salzburgerinnen und Salzburger haben sich auf die Projekte der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler eingelassen und zeigen Möglichkeiten einer Salzburger Identität auf, die sich ebenso wie die ungewöhnlichen Fotos vom studio5 im Programmheft und im Lesebuch zum Festival nicht auf den ersten Blick erschließen.

Die Ausstellungen, Aufführungen und Spielorte, die allesamt bei freiem Eintritt zu besuchen sind, sollen nach dem Wunsch von Intendant Michael Stolhofer in bester 70er Tradition Kultur für alle ermöglichen in einer Stadt, die in jeder Hinsicht internationale Kulturstadt ist.

bild szene salzburg; text: kb 
/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg



In trockenen Tüchern?


„Frottée“ von Rosemarie Trockel

Es gibt immer etwas zu tun, kochen, putzen, waschen, schaffen, Kinder, Küche, Kabinett. Auch unter südlicher Sonne ist der Haushalt nicht süß, sondern Arbeit. Die Frotteebadetücher, die auf dem schwarz-weißen Negativ-Bild von Rosemarie Trockel irgendwie bunt und fröhlich zum Trocknen hängen, verheißen eine Ahnung von Urlaub, Unbeschwertheit, womöglich Sehnsucht erfüllendes Leben am Meer.

Es sind viele Badetücher, fast hört man die Stimmen derer, die sich zuvor damit eingewickelt, getrocknet, versteckt haben. Jetzt hängen die Tücher zum Trocknen da, wurden vielleicht noch gewaschen. Die Szenerie wirkt, als Negativ, wie in die Mittagsglut gesetzt, Siesta-Zeit, vielleicht doch ein Moment der Ruhe. Innehalten, bevor sich der Kreislauf der Aufgaben wieder weiterdreht, die Tücher abgenommen und zusammengelegt werden, und wieder benutzt und gewaschen und aufgehängt. Immer wieder. Der kleine Hof, wo die Wäsche trocknet, ist auf einer Seite offen, aber der Maschendrahtzaun und der Stacheldraht darüber laden nicht zum Drübersteigen ein.

Diese Welt der Frotteetücher, der Frauen, die sie in Betrieb halten, ist sichtbar, aber abgeteilt vom Rest, es ist gefährlich, aus ihr ausbrechen zu wollen. In all der Poesie und den gefälligen Assoziationen, die „Frottée“ für den Betrachter bereit hält, vermag Rosemarie Trockel zugleich eine feministische Haltung und die Darstellung trockener Frauenrealität subtil zu vermitteln.

text: kb
 
/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg


Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei

Wenn am 3. Juli Konnopke’s Imbiss an der Schönhauser Allee in Berlin umzugsbedingt Betriebsferien macht, geht es in der Geschichte um die Wurst zum nächsten Kapitel. Der Kiosk unter den U-Bahnbögen der Station Eberswalder Straße ist in jedem Reiseführer zu Berlin als Pflichtstopp vermerkt, und die Currywurst ein kulinarisches Muss. In der Familie Konnopke schon seit 80 Jahren so, als Max vom Land in die Großstadt zog und mit Kessel und Klapptisch ausgerüstet Wurstmaxe wurde. Sieben Tage die Woche versorgte er die Gestalten der Nacht, erst 1960 kam der erste Holzkiosk. Als Tochter Waltraud das Geschäft übernahm, wurde gleich renoviert, und nach der Wende konnte auf neueste Standards in der Küche und im Erscheinungsbild des Kiosks umgestellt werden.

Bei der Wiedereröffnung Ende 2010 wird es wohl wieder Neues zu bewundern geben. Nur an der Wurst und dem Familienrezept des Konnopke Ketchups ändert sich nichts, und das ist gut so. Eine ähnlich resolute Dame wie Frau Ziervogel aus Berlin hält in Salzburg die würzigen Würste der Stadt bereit: Der Balkan-Grill vom Fleischhauer Walter wird seit über 25 Jahren von Hildegard Ebner geschupft, und die Sorgen um ihre pensionsbedingte Nachfolge haben monatelang die lokalen Blätter gefüllt.

Frau Ebner ist jetzt nur mehr zwei Mal die Woche am Fenster des winzigen Standls im Stockhamer Durchhaus zwischen Getreidegasse und Universitätsplatz anzutreffen, aber wann, verrät sie nicht. Lediglich die Länge der Warteschlange gibt Aufschluss darüber, ob jemand flinker am Grill steht oder ob die Touristen, die sich in Salzburg ebenso an die Empfehlungen ihrer Reiseliteratur halten wie die Berlin-Besucher, zwischen Original- oder Einser bis Fünfer-Bosna zögern.

Letztere lässt den Banausen oder Anfänger erkennen: Diese Wurst wird nur mit Ketchup serviert, ohne die schärfere Senf-, Zwiebel- und Gewürz-Mischung, die ihr aus Bulgarien stammende Erfinder Zanko Todoroff im Jahr 1949 erstmals im Augustiner-Bräu anbot.

Das Würstl im Brot hieß damals Nadanitza, aber keiner konnte sich den Namen merken, und als der Schriftenmaler das Schild für die Braterei im Durchhaus pinselte, machte er aus der bulgarischen Jause „Bosa“ prompt eine balkanische Bosna. Der Kunde merkt sich’s, und kommt wieder. Seit über 50 Jahren. Und kein Ende der Wurst in Sicht, weder in Salzburg noch in Berlin.

Link zu Konnopke's Imbiss
text: kb / markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans

gänsehaut im arthotel