Zu Deinem Jubelfeste wünschen wir Dir nur das Beste!


Die Wiederkehr eines besonderen Datums ist gerne Anlass für ein Fest. Geburtstage, Jubiläen sollen die Personen oder Institutionen, die sie feiern, im schönen Schein ihrer Taten und Talente präsentieren. Man erinnert an die Anfänge, die Erfolge, blendet die Stolpersteine aus.

Je mehrstellig die umjubelten Jahre, auf die zurückgeblickt wird, umso festlicher das Freudenfest. Das Heilige Jahr der katholischen Kirche, das anfänglich entstanden war, um das Geburtsjahr Christi zu ehren, fand 1300 zum ersten Mal statt. Es sollte sich bloß alle 100 Jahre wiederholen, weil bei dieser Gelegenheit alle Sünden erlassen wurden. Ab 1475 wurde die Feier eines kirchlichen Jubeljahres auf alle 25 Jahre festgesetzt, damit jeder Menschengeneration diese Möglichkeit völliger Vergebung zur Verfügung steht.

In der ersten Aufführung der Salzburger Festspiele vor 90 Jahren ging es auch um Erlass, und seit 22. August 1920 wird die Geschichte vom „Jedermann“ am Domplatz weiterhin erzählt. Weitere Zahlen buhlen um Anerkennung: Auslastung, Besucher, Kartengelder.

Mit den Erfolgsmeldungen ihres Abschlussberichtes, und dem ausgelassenen Umtrunk für die gesamten Mitwirkenden der Saison 2010, das der frühzeitig scheidende Intendanten springen ließ, erwirken sich die Festspiele selbst ihren eigenen Erlass. Und hoffen, das bis zum echt großen Erinnerungsereignis 2020 die offenen Baustellen in Gebäuden, Buchhaltung und Programm geschlossen und getüncht im Glanz der Geschenke erstrahlen werden.

Text: KB; Bild: © shutterstock / markenredaktion blaue gans salzburg

Kopflos in der Galerie Ropac


Am vorletzten (!) Tag der Festspiele eröffnet die Galerie Ropac eine Ausstellung mit versilberten und vergoldeten Bronze-Skulpturen von Silvie Fleury, deren scheinbarer Oberflächlichkeit eine subtile Kritik innewohnt. "YES TO ALL" - dieser Slogan begleitet in Form von Neon-Installationen durch die Ausstellung von solcherart inszenierten Alltagsartikel der Luxuswelt, und erinnert an unser Gelenktsein und die Manipulation, der wir durch Medien, Werbung und andere Mechanismen unserer Konsumgesellschaft ausgeliefert sind.


Im ersten Stock trifft man dann gerne auf alte Bekannte des Ropac-Portfolios: Anselm Kiefer, Gerwald Rockenschaub, Stefan Balkenhol, Georg Baselitz, Wolfgang Laib, Donald Baechler, Alex Katz, u.a.. Die Kunstwerke scheinen zueinander in Beziehung zu treten: Antony Gormleys filigrane, überkopf hängende Edelstahl-Spiralen werden von zwei Baselitz-Arbeiten und einem Daniel Richter-"Spagotzen" flankiert. Eine kopflose Bronzeskulptur von Erwin Wurm (Foto) präsentiert sich wie ein Sommerfrischler für's Urlaubsfoto vor den weiträumigen bretonischen Landschaften von Elger Esser. Tony Craggs atemberaubend schöne Edelstahl-Säule ist Augenzeugin einer elementaren Tat im nahen Mirabellgarten, wo Herkules den Riesen Antäus in der Luft erwürgt, und muß sich vor der Düsternis einer Arbeit von Anselm Kiefer behaupten.



Welch wunderbare Sonntagspflicht - Kunst-Hochamt bei Ropac! Zum Abschluß gehen wir noch in den Annex, wo uns 60 bisher ungezeigte Bleistift- und Tuschzeichnungen von Andy Warhol erwarten. Die Arbeiten stammen aus den frühen 50er Jahren, als Warhol nach New York kam und sich in der dortigen Tanzszene aufhielt, deren Protagonisten er portraitierte. Absolut sehenswert! Hingehen! Anschauen! Kaufen, wenn's geht!

Galerie Ropac
Mirabellplatz 2, 5020 Salzburg
TEL 43 662 881 393
office@ropac.at

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 10 Uhr bis 18 Uhr, Samstag 10 Uhr - 14 Uhr

text & fotos: ag / arthotel blaue gans 

Die Macht der magischen Kraft



„Wer älter wird, der träumt. Allein, es lässt sich vertreiben. Es gibt Bräuche. Es muss für alles richtige Bräuche geben. Darum bin ich so behängt mit Steinen. Denn es wohnt in jedem ganz sicher eine Kraft. Man muss nur wissen, wie man sie nützen kann.“

Die Königin Klytämnestra in „Elektra“ (Text Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, für die Oper von Richard Strauss, Salzburger Festspiele 2010)

Die roten Strasssteine ihres Aufputzes, mit denen Klytämnestra versucht, ihre Albträume und Ängste zu bannen, werden letztlich nicht helfen, sie entkommt ihrem tragischen Tod nicht. War deren Kraft zu schwach, hatte sie nicht die richtigen dabei, oder trug sie den Schmuck, den so ein Amulett auch darstellt, nicht nahe genug am Körper? Von jeher und in allen Kulturen der Erde ist die Bedrohung, die von der Natur, deren Gewalten und Gestalten, ausgeht, ein Lebensumstand, gegen den sich die Menschen schützen müssen. Die „obere“ Welt der Lüfte und Geister, die „untere“ der Abgründe und niederen Kreaturen nehmen sie von der Geburt bis in den Tod in die Mangel. Schutzobjekte, die Gleiches mit Gleichem bekämpfen, magische Segen und nicht zuletzt das Heil, das die jeweilige Glaubensgemeinschaft verspricht, sollen als geistliche und weltliche Medizin den Menschen bewahren.

Jesus wird im 18. Jahrhundert manchmal als Apotheker dargestellt. Ein solches seltenes Bild ist derzeit im Dommuseum Salzburg zu sehen, wo im Rahmen der Ausstellung „Glaube und Aberglaube“ die Alltagskultur des Barock präsentiert wird. Die Fülle an Amuletten, Medaillen, Votiven und heiligen Bildchen unterstreicht nicht nur die Notwendigkeit solcher Objekte und Gaben in gefährlichen Zeiten, sondern auch ihre Selbstverständlichkeit im religiösen Kontext. So reihen sich Münzen, Medaillen, Kreuze, Segenssprüche auf kleinen Zetteln an Bärenkrallen, Nüssen, Kernen, Knochen, Kristallen, Edelsteinen und blauen Glasaugen auf den roten Bändern der Fraisenketten, die um den Hals getragen die Seelen vor den krampfartigen Zuständen bei Angst und Schrecken beschützen sollen.

Zur wichtigsten Schutzfunktion der Amulette kommen noch die Kräfte der Glücksbringer und Talismane, die ebenso auf allen Kontinenten vertreten sind. Aus Silber, Bronze oder Messing gefertigt, mit Steinen besetzt, haben diese Schmuckstücke eine eigene Macht, die zusätzlich zu ihrer Symbolik aus der Kraftqualität der Edel- und Halbedelsteine selbst abgeleitet sein kann: Korallen, Türkise, Jade, Bernstein, Bergkristall und viele mehr. Man findet sie heutzutage auf jedem Wochenmarkt und Handwerksbazar. Ob sie wirken? Man muss dran glauben. So wie Klytämnestra.

Die Ausstellung "Glaube und Aberglaube. Amulette Medaillen, Wallfahrtsandenken" im Salzburger Dommuseum ist noch bis 26. Oktober 2010 zu sehen.
http://www.kirchen.net/DOMMUSEUM/

Text: KB; Bild: ©Dommuseum Salzburg / markenredaktion blaue gans salzburg


Herbstliche Genussmomente


Nichts erdet nach Wochen der hochkulturellen Erbauung und der stimmungsvollen Aufgeregtheit während der Salzburger Festspiele so wie ein Streifzug durch die Wälder des Lungaus, mit dem Auftrag, ihnen ihre kulinarischen Bestleister zu entlocken: frische Pilze. Deren kastanienfarbenen Köpfe dringen in der zweiten Augusthälfte durch Moos- und Nadelboden und bereiten dem Naturfreund wie dem Genießer in mir gleichermaßen Vergnügen.

Hier mein Steinpilz-Rezept, am besten natürlich mit selbstgepflückten Pilzen:

Eine beschichtete Pfanne ohne Fett heiß werden lassen, die geputzten und längs in ca. drei cm dicke Stücke geschnittenen Pilze in die Pfanne geben und anrösten. Erst nach zwei Minuten etwas Olivenöl dazugeben,  eine zerdrückte Knoblauchzehe und eine in feine Ringe geschnittene Schalotte darüberstreuen, durchschwenken. Nach weiteren zwei Minuten salzen, feingehackte Petersilie oder wenig frischen Majoran (Basilikum geht auch) darüberstreuen und mit einem walnußgroßen Stück Butter durchschwenken. Am Ende mit frisch gemahlenem schwarzen Pfeffer finalisieren.

Dazu paßt ein knuspriges Landbrot, eine ausreichend lange gerührte Polenta, oder ein Schwammerlrisotto aus den weniger schönen Pilzstücken. Schweinereien wie Prosciutto oder Lardo sind natürlich ebenso hervorragende Begleiter wie die von mir aus verständlichen Gründen favorisierte, zart geräucherte Gänsebrust.

Ein Weißwein mit schönem Schmelz und etwas Druck am Gaumen ist empfehlenswert, wie z.b. ein eleganter Riesling Smaragd, oder ein buttriger Chardonnay.

text: ag  foto: blaue gans

Stellt die Zuschauer zur Schau


Bei den Festspielen spielt das Theater auch auf der Straße



Die Fürsterzbischöfe wussten Hof zu halten und stillten ihren Machthunger auch ganz profan bei Tische. Je mehr Publikum ihnen dabei zusah und sich ob der Pracht vor Staunen verschluckte, umso größer und gewisser ihr Ruhm. Jakob Ernst Graf von Lichtenstein (1690-1747) zum Beispiel hielt gerne offene Tafel und lud dazu, freilich nicht wortwörtlich gemeint, „wer nur wollte“.

Die Gästeliste umfasste bis zu 800 Personen, die nicht enttäuscht wurden: Auf kostbarem Tafelgeschirr aus Silber und Gold, aus Kristallgläsern und edelsteinbesetzten Schüsseln wurden sämtliche Speisen und Weine zum Klang von Pauken und Trompeten aufgetragen. Beschautorten aus Zucker zeigten das Abbild des tafelnden Erzbischofs. Dieser Inszenierung von Macht und Pracht wollte die Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert ein Ende setzen.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der die nach Luxus strebende europäische Gesellschaft seiner Zeit in die sittliche Dekadenz abgleiten sah, forderte gar eine Rückkehr zum natürlichen Instinkt, um die naturwidrige Eigenliebe, in der sich der Mensch nur mehr mit den Augen der anderen sehen kann, in die naturgemäße Selbstliebe zu wandeln. „Stellt die Zuschauer zur Schau, macht sie selbst zu Darstellern, sorgt dafür, dass ein jeder sich im andern erkennt und liebt“ ist die Gegenthese zu den oberflächigen Vergnügungen und dem ethischen Gefährdungspotential des Theaters, die Rousseau im Brief an d’Alembert über das Schauspiel formuliert.

Seine Ideen mögen zwar die Französische Revolution beflügelt haben, in der Hofstallgasse zu Salzburg wird weiter wie zu erzbischöflichen Zeiten zur Schau gestellt.Die Zuschauer stellen sich gefügig hinter die Absperrgitter und gaffen wie dereinst, bloß die Fotografen stürmen, und alle spielen das Spiel der Festspiele.

Text: KB; Bild: ©wildbild.at / markenredaktion blaue gans salzburg

Jonathan Meese live im Interview



RENDEZVOUS IM ARTHOTEL BLAUE GANS,
Jonathan Meese @ Salzburg Festival 2010,
musze.tv von Uta Gruenberger für die Gänsehaut Serie

Alle Macht der Kunst - Part 2



Fortsetzung Part 2 Interview Jonathan Meese

Gänsehaut: Sie haben viele Wochen dafür in Salzburg verbracht und sind nicht zum ersten Mal hier gewesen. Haben Sie einen besonderen Bezug zur Stadt entwickelt?

Jonathan Meese: Salzburg ist ein tolles Energiezentrum gleichzeitig ein sozialer Präsentierteller der Superlative. Alle Beteiligten des Festivals sind herrlichste verspielteste Vollprofis und haben es Jonathan Meese sehr angenehm gemacht und alles Erdenkliche abgenommen. Jonathan Meese stand trotzdem immer unter Alarm. Der Aufenthalt in Salzburg war sehr „diensthaft“ für Meese, also ein großes, demütigstes Kunstspiel. Gleichzeitig wird einem alles abgefordert. Salzburg war für Jonathan ständiger Ausnahmezustand... Kunst ist eben eine Befehlszentrale, keine Bittstelle. Kunst ist keinerlei Demokratie, zum Glück. Die Kunst hat den totalen Oberbefehl ist also ultimativst Chef und das ist geil. Kunst ist kein Menschenwunschkonzert, Kunst ist keine Menschencastingshow und Kunst ist keine Menschenmacht. Jonathan Meese hat mit liebevollster Unbekümmertheit, Elan Vital, und extremster Kindlichkeit seinen Dienst in Salzburg getan, toll, toll, toll.

Gänsehaut: Sie haben im arthotel Blaue Gans gewohnt, mitten in der Altstadt, nur ein paar Schritte vom Festspielhaus entfernt. Wie haben Sie diese Nähe empfunden?

Jonathan Meese: Die Nähe zum Festspielhaus war und ist optimal für Jonathan Meese. Jonathan Meese bewegt sich sehr ungerne und zieht gerne immer die gleichen Bahnen. Jonathan möchte möglichst nichts erleben, sondern liebevollst betreut werden und der Kunst dienen, die „Blaue Gans“ hat Jonathan Meese ein optimales Nest, Netz und einen Rückzugsort zur Verfügung gestellt, toll, toll, toll, besser geht’s nicht. Jonathan Meese schläft gerne viel und üppigst, da viel-viel Kraft getankt werden muss, das ist doch klar. Die „Blaue Gans“ ist professionellste Zurückhaltung und wunderbarster Ruhepol für mich, danke, danke, danke. Die „Blaue Gans“ ist ein durch und durch metabolischer Ort ... super ...

Gänsehaut: Gibt es etwas im arthotel, an das Sie sich (gerne) erinnern?

Jonathan Meese: Jonathan Meese erinnert sich gerne an Alles im Arthotel, Jonathan Meese liebt demütige Koordinationssysteme, also FIXPUNKTE, wie die zauberhafte „Blaue Gans“, hier kann man Neutralität, also Kraftstoff der Zukunft tanken und bestens regenerieren...

Gänsehaut: Einer der Ansprüche des arthotel ist, hier „urban abtauchen“ zu können. Hatten Sie in Salzburg dieses Bedürfnis, in all dem Trubel rund um „Dionysos“, das die erste Opernpremiere dieser Festspiele war, verschwinden zu wollen? Wie und wohin sind Sie dann abgetaucht?

Jonathan Meese: Jonathan Meese verschwindet liebend gerne und ist gerne oft und viel alleine, um sich zu regenerieren; im Hotel wurde ich nie gestört, das ist notwendig, um in Ruhe und totalster Gewissenhaftigkeit spielerischst den Dienst an der Kunst an sich abspielen zu lassen. Hotels sind hermetische Räumlichkeiten, die im optimalen Fall wie „Bunker der Kunst“ sind... super, super, super, also liebevollste Verstecke der „Massenindividualitätslosigkeit“, also Gastfreundschaftsverdichtungen von Zeit und Raum, geil.

Gänsehaut: Sie waren die letzten zehn Jahre als öffentliche Person sehr exponiert, zugleich aber auch beschützt von Ihrer Mutter, Ihren Freunden, Ihrem Galeristen. Das „enfant terrible“, als das Sie oft bezeichnet werden, ist eben ein Kind, um das sich die anderen sorgen. So mancher Kritiker sieht in Ihrer Arbeit für „Dionysos“ einen Reifemoment vom ewigen Kind zum zumindest bildlich jungen Erwachsenen. Zugleich ist die Adoleszenz erst recht eine Zeit der Unruhe. Wie fühlen Sie sich heute?

Jonathan Meese: Der Zustand Jonathan Meese hat durch Salzburg, also durch das „Präzisionsgeschoss Dionysos“ eine elementare Schallmauer durchbrochen, d. h. Jonathan Meese ist graphischst totalstpubertär ins geometrisch Hermetischste abgetaucht und als „Erzbaby der Kunst“ wieder aufgetaucht, toll, toll, toll... sehr große Freiräume haben sich durch „Salzburg“ aufgetan, Jonathan Meese kann beruhigter aber auch radikaler der Herrschaft der Kunst entgegenfiebern. Die Zeit ist einfach nun mal oberreif für die „Diktatur der Kunst, das ist vollends klar wie Kloßbrühe geworden, also bitte, bitte liebe Kunst herrsche, regiere, befehle und spiele Totalstrevolution, also Kunst an die Macht. Die Zeit der Nostalgien muss sich von selbst verbieten, wie jeder Menschenmachtsfanatismus...

Gänsehaut: Als Kind hat man meist viele Wünsche, als junger Mensch glaubt man, alles erreichen zu können, und als Erwachsener legt man die eine oder andere Illusion zugunsten einer großzügigen Gelassenheit ab. Egal, was Sie nun davon halten, welche Wünsche hegen Sie für sich?

Jonathan Meese: Der größte Wunsch des Jonathan Meese ist die „Machtschenkung Kunst“, also die „Diktatur der Kunst“. Diese „Ultraherrschaftsform Kunst“ ist das Radikalste, das seit Menschengedenken „formuliert“ wurde. Jeder Mensch muss den „Dienst an der Kunst“, also „Totalste Hingabe“ an sich abspielen lassen und die „Diktatur der Kunst“, also das Totalstneutralste, liebevollst willkommen heißen. Alle Macht der Kunst.

Gänsehaut: Ich wünsche Ihnen, was Sie sich wünschen.

Alle Macht der Kunst - Part 1


Jonathan Meese über Salzburg als Energiezentrum und Präsentierteller der Superlative, seinen Dienst an der Kunst in der Arbeit an „Dionysos“ und den Kunstbunker Blaue Gans



Gänsehaut: Die Uraufführung von „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen war ein riesiger Erfolg, und die Rezensenten freuen sich über das verspielte Bühnenbild. Sie selbst haben gesagt, dass es ein idealer Arbeitsauftrag war, wenig Informationen zum Stück, das ja erst zwei Monate vor der Premiere fertig geschrieben war, zu haben, und dass Sie sich nie mit Musik, schon gar nicht die von Wolfgang Rihm, beschäftigt hatten. Unwissenheit und Leere als Voraussetzung, Fülle zu schaffen. Wie verlief der (Arbeits-)Prozess von den Stichwörtern (z.B. „Meer“, „Berg“, Bordell“ für die Räume, und „Nietzsche“, „Nymphen“, für die Figuren) zum fertigen Bühnenbild?

Jonathan Meese: Die Kunst ist das Totalste Naturereignis der Sache. Der liebevollste Dienst an der Sache „DIONYSOS“ verlief vollends totalstmetabolisch, also unterstand den Gesetzen der Notwendigkeit, nicht des Willens, zum Glück. In der Kunst zählt nur das 1. Gesetz: Sieh von DIR ab, Mensch erkenne: der Menschenwille ist für Kunst absolut irrelevant. Kunst kann man mit Wissen, Ideologien, Niederknien oder Nostalgien nicht erzwingen. Kunst ist unberechenbar, unzähmbar, undemokratisch und religionsfrei... Kunst ist liebevollste Verdrängung jeglicher Unterwürfigkeit. Kunst ist totalste Verantwortlichkeit und saugt nur Demut an. Die meisten Menschen stehen sich selbst im Wege, indem sie sich nicht als Spielzeug der Kunst anerkennen. Der Mensch ist Dekoration der Kunst. Kunst ist keine Menschenkreativität, sondern Erzinstinkt.

Gänsehaut: In der Erzählung geht es unter anderem um die Zerrissenheit des Menschen zwischen den göttlichen Prinzipen des Chaos und des Rausches (Dionysos)einerseits, und andererseits denen der Ordnung und Klarheit (Apoll). Ihr Bühnenbild vereint alles davon. Hatten Sie in der Entstehung dieser Bühne auch einen Kampf zu führen, mit sich, den Göttern, den Dingen, oder wem/was auch immer?

Jonathan Meese: Es ist bei der Kunst ultimativ notwendig jegliche Realitätsillustration, jegliche Esoterik, jegliche Durchdemokratisierung, jegliche ICH-Suche und jede Menschenideologie sausen zu lassen, das kann manchmal ein Kampf sein, ein guter Kampf, denn in der Kunst ist es vollkommen klar, was nicht passieren darf, die „Führungsbefehle“ der Kunst sind eindeutigst und superpräzise: Atme, Schlafe, esse, trinke, verdaue, hermetisiere, sei neutralst, metabolisiere, entdemokratisiere, sei instinktiv usw. ... das ist das Handwerk der Kunst. Zerreißen kann einen nur die schreckliche Realität, die Kunst macht aus allem nur das antiseparatistisch Geilste. Kunst tut, was sie will, wir folgen, mehr ist es nicht, weniger auch nicht. Die Kunst ist die Nr. 1, einzige und letzte Autorität aller Zeiten... Die Herrschaft der Kunst ist die totale Zukunft.

Gänsehaut: Ihre Installationen sind auch Bühnen, Räume der Inszenierung Ihres Künstlerselbst. Was ist anders, wenn Sie für ein Opernhaus zeichnen und malen?

Jonathan Meese: Wenn man für ein Opernhaus arbeitet, sieht man zwangsläufig von sich ab, außer man verwechselt sich selbst widerlichst mit der Kunst. Bei „Dionysos“ ging es um liebevollste Präzision gepaart mit liebevollster Zurückhaltung, also Dienst an der Sache, also niemals am eigenen Ich. Jonathan Meese ist sehr froh, dass alle Beteiligten an Dionysos liebevollst von sich absahen und die Dinge einfach laufen ließen. Jonathan Meese sucht nichts, findet nichts, sondern wird beschenkt sein mit der Herrschaft der Kunst, also Diktatur der Kunst: Kunst spielt sich an allem ab...

Gänsehaut: Wie sehr waren Sie bei der konkreten Umsetzung Ihrer Entwürfe in den Werkstätten der Salzburger Festspiele eingebunden, und wie war diese Erfahrung für Sie?

Jonathan Meese: Die meisten Dinge, Gegenstände und Spielzeuge für Dionysos wurden in Berlin liebevollst hergestellt und in Salzburg zum Teil mit größter Hingabe überarbeitet, verändert, feinjustiert und angepasst, super, super, super ... es ist toll zu sehen, wie aus kleinsten Vorschlägen große Präzisionen entstehen können, toll, toll, toll. Jonathan Meese hat für Salzburg Spielzeug der Kunst zur Verfügung gestellt, also spielt los, legt los.

Part 2 folgt
Text: KB; Bild: Peter Rigaud / markenredaktion blaue gans salzburg

Cherchez la femme


Wenn in der populären Kriminalliteratur ein Verbrechen aufgeklärt werden muss, wird gerne nach der Frau im Spiel gefragt. Das Klischee lässt sich auf alle Arten von Problemen ausdehnen, die Redewendung bezeichnet mittlerweile ganz allgemein den Wunsch nach Lösung. Bei der Suche nach den Frauenfiguren im diesjährigen Programm der Salzburger Festspiele wird schnell klar, dass sie alle von extremen Energien getrieben sind.

Lulu kostet kompromisslos und konsequent ihren Lebenshunger aus, die Buhlschaft sagt Nein zum Jedermann und Ja zum Leben, Eurydike lebt im Namen der aufrichtigen Liebe wieder auf und die ekstatische Verliebtheit von Gounods Julia führt sie gar in spirituelle Höhen. Elektra, Phädra und Irene hingegen sind verstärkt in ihre Ängste verstrickt, in ihren existenziellen Notständen gibt es für sie nur Schweigen oder Geständnis, und Tod.

In ihrem Sehnen nach persönlicher Einmaligkeit und vertrauensvoller Hingabe an den anderen, nach Stabilität und Freiheit zugleich, erzählen all diese Frauenfiguren von ihren Erwartungen an das Leben. Von den Gegensätzen aufgerieben oder angefacht, können sie über sich hinauswachsen. Zugrunde gehen. Darin sind sie zutiefst menschlich und daher jeglichen Göttern eindeutig vorzuziehen.

Text: KB; Bild: Patricia Petibon als Lulu © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
/ markenredaktion blaue gans salzburg

Mythos Tragödie

Zum Jahresthema der Salzburger Festspiele 2010



Mythen sind Geschichten. Ohne Quelle oder Autor über die Jahrhunderte überliefert und mit einer allgemeinen Gültigkeit versehen, ohne zu erklären, erzählen sie uns, wer wir sind und sein könnten, wie sich Gegenwart auf Vergangenheit begründen kann. Die Götter dieser Erzählungen haben sich den Menschen zur Unterhaltung erschaffen, und um diese Konflikte geht es wenn es heißt „wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“. Die schicksalhaften Helden verursachen ihr Scheitern meist nicht selbst, es ist ihnen unausweichlich von den Ahnen vorbestimmt, unter deren Last und zu deren Vergnügen am Schauspiel zusammenzubrechen. Die Fallhöhe dieser schuldlos Schuldigen entspricht der Laune der Götter, kein Handeln kann sie erlösen. Darin liegt ihre Tragik.

In so mancher grausamen Geschichte erscheint der Tod noch als geringes Übel im Vergleich zu den Gräueln, die im Olymp ersonnen werden. „Das Glück bringt immer das Gleiche; das Unglück immer etwas Neues. Das Glück überrascht selten; das Unglück immer“, schreibt Michael Köhlmeier in seinem Essay im Programmbuch der Festspiele. Einer, der die göttlichen Strafen zu seinem Glück wenden konnte, fehlt allerdings im diesjährigen Programm der Festspiele: Sisyphos schafft es, in seinem scheinbar absurden Tun eine Glückseligkeit zu erleben, die nichts mit dem Sinn seines Handelns zu tun hat. Er rollt den Stein den Berg hinauf, ja, und dieser rollt wieder hinunter, und Sisyphos rollt ihn erneut wieder hinauf. Ohne Ende. Doch der Fels ist seine Sache, sein Schicksal gehört ihm. Indem er es angenommen hat und ausführt, hat sich Sisyphos der Macht der Götter entzogen und ist sein eigener Herr geworden. Die existenzialistische Lesart dieses Mythos macht ihn zu einem Drama wohl, aber eben nicht zur Tragödie.

© Text: KB  Bild: Sisyphos, Franz von Stuck, 1920
/ markenredaktion gänsehaut arthotel blaue gans salzburg


gänsehaut im arthotel