Halluzinatorischer Überrealismus

© Evan Penny 2011

Evan Penny ist Gast im Museum der Moderne und in der Blauen Gans.


Nein, der nackte Mann, der einen wie ein dreijähriger Dreikäsehoch vom Ausstellungsplakat anstaunt, ist nicht Evan Penny. Der kanadische Künstler, dessen in Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen realisierte Werkschau die bislang größte Überblicksausstellung und zugleich seine erste Einzelausstellung in Europa ist, greift allerdings auch auf sich als Modell zurück.

„Weil ich grad da bin. Wenn ich an einer neuen Idee arbeite, experimentiere ich auch mit mir.“ Penny ist Bildhauer, er modelliert Figuren in Ton und macht Abgüsse davon. Lebensgroß, größer, kleiner. Sein Thema ist der menschliche Körper und dessen Wahrnehmung: Realität, Illusion und die Spannung zwischen diesen beiden Ansprüchen. Die Verbindung von figurativer Skulptur und Fotografie, die technische Vervielfältigung mit Laserscanner und die zusätzliche Dimension der 3D-Fotografie bestimmen die gezeigten Werke.

Diese lebensechten dreidimensionalen Menschenbilder haben aber nicht nur den intellektuellen Anspruch, nach den Grenzen zwischen medialer und realer Perzeption zu fragen, sie sind das beeindruckende Ergebnis sorgfältiger Handwerkskünste: Tonfiguren, die Evan Penny nach realen Vorlagen vom Modell oder von selbstgemachten Fotos formt, veränderte fotografische Vorlagen, am Computer verfremdete Bilder, Gummi- oder Kunstharzformen, in die Silikon geschichtet wird, Haarimplantate, Kunststoffaugen, Pigmente… Ein Wissen und Können, das der Künstler ganz klassisch an der Kunsthochschule in Alberta erlernt und durch seine Arbeit in Hollywood spezialisiert hat: Kennedy’s Kopf nach dem Attentat in Oliver Stone’s „JFK“ ist von ihm. Allerdings kein "echter" Penny denn dessen Ziel ist nicht Realismus, sondern Künstlichkeit und Subjektivität der Wahrnehmung, mit allen unangenehmen und beunruhigenden Nebenwirkungen, die in der Konfrontation mit seinen Werken einhergehen.

„Sie sind teils Objekte, teils Bilder, auch im übertragenen Sinn“, sagt Evan Penny, „und der Betrachter befindet sich im Spannungsraum dazwischen.“ Für den Künstler selbst ist es spannend, die Skulpturen, die in Privatbesitz sind, nach vielen Jahren wiederzusehen, denn meistens „habe ich in meinen Gedanken schon längst mit einem Werk abgeschlossen lange bevor es tatsächlich fertiggestellt ist“. Er hat also keine Probleme, seine gottgleich geschaffenen Figuren, die manche Kritiker gerne als Monster bezeichnen, in die große weite Welt zu entlassen. Die Frage ist, wie leicht die Betrachter die Aerials, Murrays, Shelleys, Dannys, Jims, alte und junge Pennys nach einem Besuch im Museum loslassen können.

museum der moderne salzburg
Austellung: 12.11.2011 bis 19.02.2012

Text: KB / Bild: © evan penny  /  markenredaktion blaue gans salzburg