Familienangelegenheiten


Der Cirque Rasposo gastiert beim 11. Winterfest im Zirkuszelt

© Florence Delahaye/Rasposo

„Familie, ich hasse euch!“ stöhnte der französische Schriftsteller André Gide Ende des 19. Jahrhundertes. Der Mann kannte die Molliens und ihren Cirque Rasposo nicht. Das Leben einer Zirkusfamilie ist nicht einfacher als bei anderen, es wird gemeinsam gegessen, getrunken und gefeiert, geliebt und gestritten. Die Gefühle bekommen aber hier, im heimelig mit Teppichen ausgelegten Zirkusrund, atemberaubende Dimensionen, die über mutige Akrobatik hinausgehen.

„Zirkus ist eine universelle Sprache“, sagt Fanny Molliens, die mit ihrem Mann Joseph die Compagnie Rasposo 1987 gegründet hat und „Oma“ der Truppe ist. Die Jüngsten, die Zwillinge Corentin und Loréline, stimmen mit ihren knapp zwei Jahren noch nicht in den „Chant du Dindon“, den „Gesang des Truthahns“, mit ein, aber sie üben schon fleißig mit ihrer seiltanzenden Tante das Fliegen auf den Füßen. Alle Akrobaten des Cirque Rasposo haben Zirkusschulen besucht.

Daher erweitert Georg Daxner seine umgesetzte Vision des Winterfests auf den innigen Wunsch, heimische Artisten zu zeigen und vor allem in Österreich auszubilden. Sein Spendenaufruf bei der Premiere des diesjährigen Festivals ist also eine Investition in weitere heitere Abende in den Zelten im Volksgarten.

Der zeitgenössische Zirkus entwickelt sich weiter und laut einer Dokumentation des Centre National des Arts du Cirque, der wichtigsten Ausbildungsstätte in Frankreich, geht die Tendenz zu Aufführungen, die sich um eine einzige artistische Disziplin bilden. Interdisziplinäre Stücke wie sie der Cirque Rasposo zeigt, stehen an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne.

Diese faszinierende Welt verbindet extreme Artistik, poetische Komödie und rasante Zigeunermusik zu einem wunderbaren Abend, der viel zu schnell vorüber ist. Wer sich schon beim Winterfest 2008 für die „Rasposos“ begeisterte, wird sie diesen Advent nicht missen wollen, allen anderen sei ein Ausflug ins Zirkuszelt im Volksgarten als dringende Familienangelegenheit ans Herz gelegt.

Text: KB / Bild: © winterfest 2011 /  markenredaktion blaue gans salzburg

Halluzinatorischer Überrealismus

© Evan Penny 2011

Evan Penny ist Gast im Museum der Moderne und in der Blauen Gans.


Nein, der nackte Mann, der einen wie ein dreijähriger Dreikäsehoch vom Ausstellungsplakat anstaunt, ist nicht Evan Penny. Der kanadische Künstler, dessen in Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen realisierte Werkschau die bislang größte Überblicksausstellung und zugleich seine erste Einzelausstellung in Europa ist, greift allerdings auch auf sich als Modell zurück.

„Weil ich grad da bin. Wenn ich an einer neuen Idee arbeite, experimentiere ich auch mit mir.“ Penny ist Bildhauer, er modelliert Figuren in Ton und macht Abgüsse davon. Lebensgroß, größer, kleiner. Sein Thema ist der menschliche Körper und dessen Wahrnehmung: Realität, Illusion und die Spannung zwischen diesen beiden Ansprüchen. Die Verbindung von figurativer Skulptur und Fotografie, die technische Vervielfältigung mit Laserscanner und die zusätzliche Dimension der 3D-Fotografie bestimmen die gezeigten Werke.

Diese lebensechten dreidimensionalen Menschenbilder haben aber nicht nur den intellektuellen Anspruch, nach den Grenzen zwischen medialer und realer Perzeption zu fragen, sie sind das beeindruckende Ergebnis sorgfältiger Handwerkskünste: Tonfiguren, die Evan Penny nach realen Vorlagen vom Modell oder von selbstgemachten Fotos formt, veränderte fotografische Vorlagen, am Computer verfremdete Bilder, Gummi- oder Kunstharzformen, in die Silikon geschichtet wird, Haarimplantate, Kunststoffaugen, Pigmente… Ein Wissen und Können, das der Künstler ganz klassisch an der Kunsthochschule in Alberta erlernt und durch seine Arbeit in Hollywood spezialisiert hat: Kennedy’s Kopf nach dem Attentat in Oliver Stone’s „JFK“ ist von ihm. Allerdings kein "echter" Penny denn dessen Ziel ist nicht Realismus, sondern Künstlichkeit und Subjektivität der Wahrnehmung, mit allen unangenehmen und beunruhigenden Nebenwirkungen, die in der Konfrontation mit seinen Werken einhergehen.

„Sie sind teils Objekte, teils Bilder, auch im übertragenen Sinn“, sagt Evan Penny, „und der Betrachter befindet sich im Spannungsraum dazwischen.“ Für den Künstler selbst ist es spannend, die Skulpturen, die in Privatbesitz sind, nach vielen Jahren wiederzusehen, denn meistens „habe ich in meinen Gedanken schon längst mit einem Werk abgeschlossen lange bevor es tatsächlich fertiggestellt ist“. Er hat also keine Probleme, seine gottgleich geschaffenen Figuren, die manche Kritiker gerne als Monster bezeichnen, in die große weite Welt zu entlassen. Die Frage ist, wie leicht die Betrachter die Aerials, Murrays, Shelleys, Dannys, Jims, alte und junge Pennys nach einem Besuch im Museum loslassen können.

museum der moderne salzburg
Austellung: 12.11.2011 bis 19.02.2012

Text: KB / Bild: © evan penny  /  markenredaktion blaue gans salzburg

Massive Stille - Walter Vopava setzt auf pulsierende Farbräume


Ein wunderbarer Artikel von Florian Steininger im aktuellen "Parnass" über einen Künstler, der auch in unserem Innenhof einen sehr prominenten Platz besetzt:

Walter Vopava (geb. 1948 in Wien) zählt zu den führenden abstrakten Künstlern Österreichs, die in den 1980er-Jahren die Malerei geprägt haben. Seit 2000 lebt und arbeitet Vopava sowohl in Wien als auch in Berlin. Von Beginn an hat sich der Künstler einer mehr stillen und existenziellen Seite der Bilder zugewandt, abseits des damals vorherrschenden figurativen Neoexpressionismus. 

Zu dieser Zeit verabschiedete sich Walter Vopava vom Gegenstand, ohne ihn jedoch zur Gänze auszublenden. Reste der anthropomorphen Struktur und Köpfe sind noch vorhanden, jedoch zugunsten von Prozessualität und der Freiheit der Malerei aufgelöst. Das Farbspektrum ist meist im Gedämpften angesiedelt, die Textur ist pastos krustig, so als würde der Künstler aus dem schlammigen Erdreich etwas entstehen lassen. Das Bild zeigt sich als Metamorphose, als offenes System der Malmittel. Der Gegenstand im Sinne der Abbildung, Illustration und Erzählung hat keine Bedeutung mehr. Der scheinbar gestische Duktus legt aber auch keine expressionistische Spur einer persönlichen Empfindung. Die tendenziell abstrakte Bildsprache ermöglicht Vopava mehr Handlungsspielraum für das Wesen des Mediums selbst. Der Maler verteilt gleichmäßig die informellen Formenkomplexe auf die Leinwand und umgeht dadurch ein hierarchisches Bildzentrum. Das Bild wird zum Feld. Dieser Feldcharakter ist auch in den folgenden Werkphasen zu erkennen. 


Auf dem Teller bleiben


Seit einem Jahr ist Marius Kneyder Küchenchef der Blauen Gans.

Marius Kneyder ist auf dem Teller geblieben.
Alles fing mit einem Schulpraktikum in der siebten Klasse an: Marius folgte einem Kollegen in die Küche des besten Restaurants seiner Heimatstadt. Das Haus Bladenhorst der Familie Stromberg „hat mir beim ersten Mal gleich so gut gefallen“, erzählt er, „dass ich gleich das zweite Praktikum auch dort gemacht hab, dann hab ich da angefangen so nebenbei zu arbeiten, dann hab ich sofort gefragt, ob ich nicht sogar die Lehre da machen könnte, weil’s mir wirklich so’n Spaß gemacht hat, das war einfach so faszinierend. Ja, und dann hab ich meine Lehre da gemacht und bin dann mit Holger Stromberg durch Deutschland getourt, hab‘ Kochkurse gemacht, und Catering und so.“

Verschiedene Etappen im Salzburger Land haben den jungen Mann schließlich ins älteste Gasthaus im Herzen der Altstadt Salzburgs geführt. Hier bringt er gekonnte Regionalität auf die Speisekarte: Wiener Schnitzel,Tafelspitz, Backhendl, Grießnockerlsuppe, Leberknödelsuppe,“ die Klassiker, das is‘ immer auf der Karte, die wird’s immer geben, das muss!“. Die zahlreichen Stammgäste schätzen es, manche nehmen sogar jede Woche ihr Lieblingsgericht in der Blauen Gans ein.

Was isst Marius Kneyder selbst am Liebsten? Er nennt ein Schokoladen-Fondant an Tamarinden-Eis, eine „supergeile Kombination“, die seine Internationalität und Experimentierfreude verrät. Doch dann gesteht er: Grünkohl. Ein Klassiker aus Nordrhein-Westfalen. Und: „Rindsrouladen. Das hat meine Oma immer gemacht, wenn ich sonntags zum Essen gekommen bin, und meine Mama Grünkohl... Wenn man schon ein bissel von zu Hause weg is‘, dann vermisst man das doch auf irgendeine Art und Weise, und dann haben diese Gerichte einen ganz anderen Stellenwert.“

Das gilt auch für die Speisen im Jahreskreis, im November die Martinigans. Die sei gar nicht so schwierig zuzubereiten, meint Marius Kneyder, allerdings, wenn sie trocken sei, könne man sich auf den Kopf stellen, dann „isses vorbei“. Sein Trick: ein leckerer Gänsefond von den Abschnitten, viele Kräuter dazu. Ob er oft nach Rezepten gefragt wird? Er seufzt. Ja. Dreitausend hat er in seinen Ordnern gesammelt, sein Lebenswerk. Das gibt man nicht so einfach her, Kochstars und Sterneköche vermarkten jeden ihrer Handgriffe. Marius Kneyder ist auf dem Teller geblieben und schenkt allen Freunden der Gans eine seiner Varianten davon.

Rezept von Marius Kneyder

Gansltage
Ganslkarte

Text: KB / Bild:  markenredaktion blaue gans salzburg

Das Leben ist ein Gänsespiel...

...Je mehr man vorwärts gehet, je früher kommt man an das Ziel…(Johann Wolfgang von Goethe im "West-Östlichen Diwan")

Bildnachweis für das Spielfeld: Ron Knight, 2004

Wer die Gansltage über den magischen 11.11.11 hinaus verlängern möchte, dem seien auch die Überlegungen des Blaise Pascal, französischer Philosoph des 17. Jahrhunderts, ans Herz gelegt, der zu den beliebtesten Ablenkungen des Menschen, neben der Ausführung hoher Ämter und der Unterhaltung mit Frauen, das Spielen zählt.

Aus Ägypten stammt eines der ältesten erhaltenen Spiele, ein Spielbrett aus Kalkstein aus der Zeit um 3000 v.Chr., das eine Spiralbahn zeigt. Die Spirale gilt seit Urzeiten als Symbol der unendlichen und unsterblichen Weltschöpfung. Aus dem mythischen Ursprung der Spirale entstanden im Lauf der Jahrtausende die vielfältigsten Spiele, darunter auch das vermutlich populärste in Europa, das Gänsespiel. Abgesehen vom Spielfeld geht auch das namengebende Tier auf die ägyptische Mythologie zurück, und die Anzahl der Felder, die für Schicksalsmomente des menschlichen Lebensweges stehen, folgt der Zahlenmystik der Antike: Jedes siebente und jedes neunte Jahr wird als Zeit der Veränderung angesehen, das 63. Lebensjahr, das Ergebnis von 7 mal 9, als das gefährlichste, und jedes darüber hinaus gehende Lebensjahr als ein Geschenk der Götter erkannt. Das Zielfeld, der Gänsegarten, kann als Vision des Paradieses verstanden werden.

Erstmals belegt ist das Gänsespiel um das Jahr 1580 als Francesco di Medici aus Florenz dem spanischen König Philipp II. eine besonders edel ausgestaltete Version des Spiels schenkte. Es erfreute sich großer Beliebtheit am Hofe, verbreitete sich schnell und wurde nicht selten auch um hohe Einsätze gespielt. Im "Testament eines Exzentrischen" von Jules Verne, erschienen 1899, wird die Geschichte um das Erbe des Millionärs William J. Hypperbone erzählt. Der Verstorbene wird seinem Ruf als Mitglied des Excentric Clubs voll gerecht, denn er hat als Verfechter des bekannten Edlen Gänsespiels festgelegt, das dieses in überdimensionaler Weise quer durch die Bundesstaaten der USA zu spielen sei. Die einzelnen Staaten sind die Spielfelder und ausgeloste Teilnehmer sind die Spielfiguren. Der Gewinner bekommt das Vermögen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Gänsespiel zum „harmlosen“ Kinderspiel. Zu dieser Zeit kamen auch die ersten kommerziellen Versionen auf, die bis in die Gegenwart in immer neuen Auflagen erscheinen.

Das Gänsespiel der Blauen Gans sorgt für erfreuliche Gänsehaut und führt Sie, wenn nicht ins Paradies, zumindest in unser Gasthaus!


Text: KB / Bild:  Bildnachweis für das Spielfeld: Ron Knight, 2004  / markenredaktion blaue gans salzburg
gänsehaut im arthotel