Der Mensch lebt nicht von Brot allein

© Herbert-Batliner-Europainstitut (www.europainstitut.co.at)

Die Ouverture Spirituelle hat das Programm der Salzburger Festspiele in den Dienst einer geistlichen Öffnung gestellt. Rabbi Arthur Schneier war nicht nur als Redner zu Gast in Salzburg sondern auch, in Begleitung seiner Frau Elisabeth, in der Blauen Gans.

GÄNSEHAUT: Herr Schneier, wie gefällt es Ihnen hier?
Rabbi Schneier: Ich bin beeindruckt! Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Dantes Inferno auf der Herrentoilette höre!

(Das Inferno. Arthur Schneier, geboren 1930 in Wien, hat es als Überlebender des Holocaust erlebt.)

GÄNSEHAUT: Sie sind als Gründer und Vorsitzender der Stiftung The Appeal of Conscience Foundation, die 1965 ins Leben gerufen wurde, viel unterwegs und sprechen zu und mit vielen verschiedenen Menschen auf der ganzen Welt über interreligiöse Verständigung und Toleranz. Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt?

Rabbi Schneier: Wie man den Frieden erzielen könnte.

GÄNSEHAUT: Haben Sie dazu eine Antwort gefunden?
Rabbi Schneier: Erstens. Meine Erfahrung ist, und das ist auch eine geschichtliche  Erfahrung, dass jeder Konflikt zum Ende kommt….Der Hundertjährige Krieg, der Dreißigjährige Krieg. Der Zweite Weltkrieg kam zu einem Ende. Der Kalte Krieg kam zu einem Ende.
GÄNSEHAUT: Wäre es nicht schöner, wenn der Frieden nicht eine Konsequenz des Krieges wäre, sondern an sich möglich?
Rabbi Schneier: Ja, das ist leider so, aber  prevention is better than the cure (Anm.d.R.: Vorsorge ist besser als Nachsorge) und darum gibt es viel Arbeit. Wir haben derzeit auf der ganzen Welt mehr als 30 Konflikte, im Sudan, in Mali… So, wir müssen alles tun, um Frieden in der Gesellschaft zu haben. Frieden in der Gesellschaft meint, dass die Mehrheit die Minderheit achtet. Wenn  die politische Lage spannend ist, sucht man immer einen Bock, einen scapegoat (Anm.d.R.: Sündenbock) und das sind immer die Minderheiten. Das ist gefährlich. Wie ich in meinem Vortrag in der Aula gesagt habe, ist die größte Gefahr nicht Patriotismus, der hat ja gute Eigenschaften, sondern Nationalismus und das auch noch verbunden mit Terrorismus. Wie kann man also Frieden erreichen? Meine Perspektive sieht so aus: Papst Benedikt XVI war 2008 Gast in meiner Synagoge und  meine Freundschaft zu  Kardinal Schönborn führt mich heute hierher…

GÄNSEHAUT: Wie schwer ist es für Sie, den Menschen den Weg zu zeigen?
Rabbi Schneier: Also, erstens kommt es aus meiner persönlichen Erfahrung. Ich habe die Brutalität des Menschen gesehen aber auch das Beste im Menschen. Wir feiern dieses Jahr den hundertsten Geburtstag von Wallenberg. Ich wurde nicht durch Wallenberg gerettet, es gab noch viele andere wie er, die sehr tapfer waren, um das Leben anderer Leute zu retten. Wenn man die Seele des Menschen kennenlernt, weiß man: Wir können ein beast sein (Anm.d.R.: eine Bestie)sein aber wir können auch unsere Menschlichkeit zeigen. Die  Herausforderung der religiösen Führer ist, den Weg zu zeigen. Beim Predigen kann man den Hass oder die Menschlichkeit verbreiten. Ein Kind wird nicht mit Hass geboren, seine  erste Erfahrung ist Liebe. Der Hass kommt später. Das ist die größte Gefahr, heute, weil wir so vernetzt sind. Es  gibt seit Tschernobyl keine  Grenzen mehr. Die sozialen Netzwerke führen zu unmittelbarer Kommunikation. Religion und auch Technologie kann man für einen guten Zweck nutzen oder… Religion ist wie Feuer: Es kann wärmen oder verbrennen.

GÄNSEHAUT: Welchen Beitrag können nun Kultur und Kunst zur Verbreitung der Wärme, der Menschlichkeit, leisten?
Rabbi Schneier: Also. Die Kunst ist wie Religion ein Instrument und spricht über die Änderungen in der Gesellschaft. Die Kunst kann man auch benutzen. Die Frage ist immer, was kann ein Regime in der Kunst tolerieren. Die Kunst sind nicht nur Bilder, auch Literatur, Musik. Es sind Mittel. Jeder Mensch hat eine Seele.  Diese Seele braucht Nahrung. Wenn man die Religion aus dem Alltag drängt, dann leidet die Gesellschaft. Ich möchte nicht, dass Religion Staatsreligion wird oder das Gesetz ersetzt. Nein. Aber man muss einen modus vivendi finden,  damit Religion eine Rolle hat und spielt. Wir leben heute in einer sehr interessanten Zeit, wo einerseits in vielen Ländern Religion einen Aufschwung erfährt und andererseits Europa immer säkularer wird. Ich glaube, es kann nicht lange so bleiben. Mobilität und Migration haben zu einer multireligiösen und multikulturellen Welt geführt.  So wie Kommunismus oder Marxismus wird auch Säkularismus vorbei gehen.  Ganz sicher. Es ist unnatürlich. Wobei ich nicht nur von Religion rede, sondern von Spiritualität. Wie es in der Bibel steht, der Mensch lebt nicht von Brot allein.

Text:  KB /  Karin Buchauer   Bild: Herbert-Batliner-Europainstitut (www.europainstitut.co.at) / markenredaktion blaue gans salzburg