Glückskinder

 "Glück ist: zu wollen, was man tut." Diesen Satz von Leo Tolstoi zitiert unser GÄNSEHAUT-Magazin. Ich finde, der Newsletter von Hermann Scherer paßt sehr gut dazu. Thanks for sharing, Hermann Scherer!

Wer dankbar ist, ist präsent
von Hermann Scherer

Zwei Tropfen Vinaigrette, mehr nicht. Der Rest der Soße bleibt im Schöpflöffel. Dann schwenkt er die Austernschale vorsichtig, bis die ölige Mischung sich gleichmäßig auf das Muschelfleisch verteilt hat. Er schaut es noch einmal an, bringt es zum Mund, schließt die Augen, nimmt es in sich auf, behält es mit zitternden Lippen noch ein wenig auf der Zunge ... und schluckt es dann langsam hinunter.

Unverwechselbar, dieser Kollege, der mir am Gala-Dinner gegenüber saß. In meinem ganzen Leben hatte ich niemanden gesehen, der so genussvoll aß wie er. Und ich war nicht der einzige, dem das auffiel. Die Frauen, die mit am Tisch saßen, schienen ihre Unterhaltung völlig vergessen zu haben und hatten nur noch Augen für ihn. Offenbar macht genussvoll essen sexy. Aber die Aufmerksamkeit der Damen schien nicht der Grund zu sein, warum er das tat. Als wir zum Steak übergingen, konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich fragte ihn: „Wieso?“ -  „Wieso was?“ „Warum zelebrieren Sie jeden Bissen, als ob es geweihte Hostien wären und außerdem das letzte, was Sie in Ihrem Leben zwischen die Zähne bekommen?“ „Ganz einfach“, antwortete er lachend. „Dieses Lebewesen auf meinem Teller hat sein Leben für mich gelassen. Es war ein langer Prozess, bis das Fleisch hier vor mir liegt.“

Alle Augen am Tisch waren auf ihn gerichtet. „Denken Sie nur an die Geburtsschmerzen seiner Mutter, an die Zeit des Säugens, an die vielen Tage des Fressens und Wachsens“, fuhr er fort, „an all die Dinge, die das Tier erlebt hat, bis es geschlachtet wurde. Ich finde, ich habe die Pflicht, das mit Bedacht zu essen.“ „Hmm.“ – Mir war es augenblicklich peinlich, auf welche Weise ich zuvor den Inhalt meines Tellers zwecks Nahrungsaufnahme geleert hatte. „Und das gilt auch für diese Pflanzen hier auf dem Teller. Ich versuche die Sonnentage und den Wind zu schmecken, den nahrhaften Boden und das kühle Regenwasser. Und wissen Sie was?“ Er machte eine Kunstpause. Alle hielten die Luft an. „Das schmeckt fantastisch!“

Die Frauen am Tisch bekamen gerötete Wangen. Und ich gebe zu: Auch ich war nicht weit davon entfernt, feuchte Augen zu bekommen. Die Dankbarkeit dieses Kollegen für etwas, was die meisten Menschen als selbstverständlich erachten, hatte auch mich zutiefst berührt. In dem Augenblick habe ich verstanden: Wer dankbar ist, ist präsent. Und wer präsent ist, ist unglaublich attraktiv. Denn präsent sein heißt, die Dinge bewusst zu erleben, die man ansonsten für selbstverständlich nehmen würde. Um dankbar sein zu können, müssen Sie ja wahrnehmen, was die Menschen um Sie herum machen. Sie können als Chef Ihren Mitarbeitern nicht dankbar sein, wenn Sie nicht sehen, was sie für die Firma tun. Sie können einem Autofahrer nicht danken, wenn Sie gar nicht bemerken, dass er Ihnen die Vorfahrt überlassen hat. Sie können Ihrem Partner nicht danken, wenn Sie nicht wahrnehmen, dass er ungefragt den Müll runtergebracht hat. Wenn Sie aber jederzeit bei der Sache sind, egal, was Sie gerade tun, werden Sie immer einen Anlass zur Dankbarkeit finden. In diesem Sinne: Klatschen Sie nach der Landung, auch wenn der Pilot einfach nur seinen Job gemacht hat – oder zumindest im Bus! Geben Sie den Schauspielern im Theater stehende Ovationen! Sagen Sie dem Postboten Danke dafür, dass der Brief angekommen ist! ...

Erleben Sie die Gegenwart! Und Sie sind mitten drin im Leben.

Hermann Scherer ist Unternehmensberater, Glückscoach und Buchautor. Sein Buch "Glückskinder" ist auch online zu bestellen: www.hermannscherer.com