SCHNATTER SCHNATTER

Am Anfang war das Ei.

„Ab ovo“ bezeichnet die literarische Form, die Ereignisse vom frühestmöglichen Zeitpunkt, vom absoluten Beginn, also vom Ei an, zu erzählen; eine Technik, die der Dichter Horaz zu langatmig fand und deshalb empfahl, lieber gleich „in medias res“ zu gehen statt mit der schönen Helena von Troja zu beginnen, die aus einem Schwanenei geboren wurde. Auch Castor und Pollux, Gefährten des Jason auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, stammten aus einem Ei der Königin Leda, die Zeus, als Schwan verwandelt, verführt hatte.
In älteren Mythen entsteht der Kosmos gar aus einem Ei. Das finnische Nationalepos Kalevala nennt die Eier einer Tauchente, bei den alten Ägyptern schwamm das Ur-Ei einer Nilgans im chaotischen Nichts. Als diese los schnatterte, durchbrach sie die Ur-Stille des Universums und das Ei zerbrach; das erste Sonnenlicht leuchtete daraus und die Welt ward erschaffen. So wurde die Gans schon früh verehrt und bei den Römern in den Tempeln der Juno als heiliges Tier gehalten. Die Gänseschar am Kapitol warnte Rom vor einem Angriff der Gallier, und wurde seitdem zur Erinnerung festlich verspeist. Auch die Gänse des Heiligen Martin hatten mit Geschnatter auf ihn aufmerksam gemacht und sind seit dem 16. Jahrhundert zur Erinnerung an den Bischof von Tours fester Bestandteil des kulinarischen Jahreskreises.


In barocken Allegorien der Liebe und Schönheit wird Juno mit einem Pfau dargestellt, auch die Enten haben blaue Federn, und Isidor von Sevilla stellt in seiner mittelalterlichen Enzyklopädie fest, dass die „anser anser“, also unsere heutige Graugans, von den Enten, „ans“, ihren Namen erhalten habe. Daher gibt es wohl auch blaue Gänse...
In weiteren Bestiarien, die der französische Historiker und Mediävist Michel Pastoureau gesammelt und untersucht hat, wird berichtet, dass nur mit einem blauen Band um ihren Schnabel gebunden einer schnatternden Gans beizukommen ist; ein rotes würde sie zu sehr aufwühlen, da sie heißblütig sei, und deshalb nur kühlen Kohl fresse...

Das Verspeisen der Gans wiederum verheißt in der Traumdeutung sämtlicher Kulturen gutes Gelingen, Glück und Freude, und die Brüder Grimm empfehlen in ihrem Deutschen Wörterbuch beim Verzehr der Martinsgans unter der Mahlzeit ein Gedicht auf das Gericht, also ein Gänsegedicht, anzustimmen. Verräterisches Geschnatter köstlicher Art!

All dies und mehr kann einem in den Sinn kommen, wenn die Weidegans, mit Rotkraut und kandierter Grapefruit serviert, im Gewölbe des Gasthauses duftet. Oder wir erfreuen uns einfach aneinander, in der Blauen Gans.